Streit um Sanktionen
Hartz-IV-Rebellin ganz wider Willen

Keine Sanktionen für Erwerbslose, fordert Hartz IV-Rebellin Inge Hannemann. Denn sie seien unmenschlich. Ihr Appell ruft Protest hervor, auch beim Jobcenter Hamburg-Altona, ihrem Arbeitgeber.
  • 34

HamburgEs klingelt. Und Inge Hannemann springt auf: „Moment, da muss ich hin“, sagt sie. „Das ist bestimmt schon wieder das Jobcenter, das mir ein Einschreiben schickt.“ Und ergänzt: „Wer weiß, was sie mir jetzt wieder vorwerfen?“ Auf ihren Lippen liegt ein leichtes Lächeln. Doch das, was in ihren Augen liegt, ist Härte. „Mich schockt nichts mehr“, sagt sie.

Hannemann arbeitet im Jobcenter Hamburg-Altona. Eigentlich. Doch nun ist sie freigestellt. Der Grund: Wenn einer der rund 30 bis 40 erwerbslosen jungen Erwachsenen, die sie betreut, beispielsweise nicht zum ausgemachten Termin erscheint, muss sie handeln. Und zwar mit Sanktionen. Konkret heißt das: Hartz IV wird gekürzt. Manchmal um zehn Prozent, im schlimmsten Fall ganz. Und das hat Hannemann nicht getan.

Denn von diesen Sanktionen hält die 45-Jährige nicht viel. Sie glaubt, dass die Kürzungen die Betroffenen in menschenunwürdige Umstände bringen. „Wovon sollen sie leben, wenn von der Unterstützung nichts mehr übrig bleibt?“, fragt sie. Das könnte die Arbeitsagentur noch schlimmer machen. Denn sie will die Sanktionen noch verschärfen. Bisher wird bei den Bestrafungen unterschieden, ob ein Bezieher einen Termin im Jobcenter verpasst oder eine vom Jobcenter vorgeschlagene Maßnahme ablehnt. Das könnte in Zukunft pauschal beurteilt werden. Für Hannemann ist klar: Die Vorschläge sind „mehr als ungerecht“.

Denn für Hannemann gibt es einen besseren Weg, als Menschen durch Abzüge bei den Leistungen in lebensunwürdige Umstände zu bringen. Sie findet, das verstößt gegen das Grundgesetz. Und danach hat sie in ihrem Job auch gehandelt.

Hartz IV-Rebellin ist der Name, den sie dafür von den Medien verpasst bekam – der so gar nicht zu ihr passen will. Zu dieser zierlichen, freundlichen Frau, deren Augen hinter ihrer Brille fast immer lächeln. Vom Arbeitgeber gab es dafür die Freistellung.

Vorgeworfen wird ihr Verschiedenes. Hauptsächlich aber, dass eine, die die vom Gesetz vorgegebenen Sanktionen nicht gut heiße, nicht für das Jobcenter arbeiten könne. Mit der Freistellung will sie sich nicht abfinden. Sie will ihren Job, den sie gerne macht, zurück. Deshalb klagt sie gegen die Entscheidung, ihr nächster Gerichtstermin ist im Sommer. Zur Not will sie durch alle Instanzen gehen. Aufgeben kommt nicht in Frage.

Kommentare zu " Streit um Sanktionen : Hartz-IV-Rebellin ganz wider Willen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Doch so drastisch, wie Sie das schildern, das kann ich aus meinem Umfeld und aus meinem beruflichen Einblick heraus nicht bestätigen, nicht annähernd."
    Wie schön für Sie, aber außerhalb Ihres Wolkenkuckucksheims gibt es das in zunehmender Zahl - leider.

  • Das Problem ist, dass diese "beschissenen Jobs" langsam die Überhand über normale Arbeitsverhältnisse gewinnen.
    Diese "Jobs" müssen nicht mal im Niedriglohnbereich mit seinen knapp 9 Mio Beschäftigten angesiedelt sein.

    Ein Zufall wird es ja kaum sein, dass eine wirkliche Überzahl der Menschen ihren Job in erster Linie als belastung empfindet und die Älteren in einer erdrückenden Mehrheit lieber gestern als heute rauswollten, wenn es ginge.

    Nicht umsonst steigt die Anzahl verhaltensauffälliger oder "lernresistenter" Kinder in den Schulen, da die Unternehmer ihre Eltern für ihren Doppelferrari noch schlimmer rannehmen.

  • Wieso eigentlich bedingungsloses Grundeinkommen nur für Deutsche oder für Nichtdeutsche, die in Deutschland leben. Ich fordere ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Menschen auf der Welt. Es ist ja schliesslich kein eigener Verdienst zufällig als Deutscher geboren zu sein oder zufällig in Deutschland zu wohnen. Das ist gegenüber all den anderen Menschen auf der Welt ungerecht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%