Streitgespräch
„Der große Sprung bei Pisa kommt 2012“

Der Chef der Kultuminister, Jürgen Zöllner, und der Präsident des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, debattieren über mehr Bildung, Ganztagsschulen und das Ergebnis der Pisa-Studie.

Handelsblatt:

Bei Pisa stagnieren wir in Mathe, und beim Lesen liegen wir nach kleinen Fortschritten nur im Mittelfeld. Können wir uns dieses langsame Tempo leisten?

Zöllner: Wir sollten das Gute nicht ignorieren: In den Naturwissenschaften sind wir besser geworden. Das ist insgesamt kein Grund zum Jubeln, aber Anlass zur Zuversicht. Die riesigen Reformanstrengungen des gesamten Systems können sich noch gar nicht bei den 15-Jährigen niederschlagen, die Pisa testet, weil der Schwung primär in Grundschule und Vorschule angesetzt hat. Das zeigt der Grundschul-Lesetest Iglu, wo wir besser geworden sind und jetzt in der Spitzengruppe liegen.

Hüther: Die Richtung stimmt, aber das Tempo ist nicht hoch genug. Die Länder haben seit der Föderalismusreform die komplette Zuständigkeit für die Bildung – ich habe nicht den Eindruck, dass das das Tempo erhöht. Ein Grund ist, dass wir die empirische Bildungsforschung haben brachliegen lassen, bis die Länder jetzt mit dem Bund ein neues Programm aufgelegt haben.

Zöllner: Ich gebe Ihnen in Details recht, Ihrer Grundaussage widerspreche ich völlig: Die Veränderungen im Bildungssystem sind so stark wie in keinem anderen gesellschaftlichen System. Und in aller Bescheidenheit: Weder die Medien noch die Wirtschaft haben die Bildung zum zentralen Thema für die Zukunftsfähigkeit gemacht, sondern Pisa. Und das verantworten die Kultusminister. Ich selbst habe damals beantragt, dass wir bei Pisa mitmachen, wohlwissend, dass der internationale Vergleich uns zeigen wird, dass wir einige Zeit verpasst haben. Zur Bildungsforschung stimme ich Ihnen völlig zu. Aber bei den entscheidenden Weichenstellungen haben wir kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit – beim Ausbau der Vorschule, bei den nötigen integrativen Ansätzen etc. Wir können nicht zufrieden sein, aber was bislang zu erreichen war, haben wir erreicht.

Wann machen wir bei Pisa den großen Sprung: 2009, 2012?

Zöllner: Realistischerweise erst 2012. Erinnern Sie sich: Noch Ende der 90er hatten wir einen Konsens, dass die Grundschule Spielschule sein sollte. Und heute? Heute wollen wir Bildung im Kindergarten und in den Schulen mehr Unterricht. Ich selbst habe in Rheinland-Pfalz Mitte der 90er-Jahre die volle Halbtagsgrundschule eingeführt, und das Bildungsbürgertum hat mir vorgeworden, ich nähme ihnen ihre Kinder weg. Heute ist der unbestrittene Ansatz die Ganztagsschule.

Hüther: Aber wir können doch nicht nur warten, dass Reformen von unten her wirken. Wir müssen mehr investieren in die Problemjahrgänge, die schon im System sind. Verschlimmert wird deren Lage noch dadurch, dass Länder wie Bayern, Hessen und NRW die richtige Umstellung auf das achtjährige Gymnasium so stümperhaft organisieren, dass die heute 11-, 12-Jährigen von den Reformen nicht profitieren. Kein Unternehmen wagt Umstellungen ohne Investitionen, aber der Umbau auf „G8“ soll aus der Portokasse bezahlt werden.

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