Streitgespräch
„Wir müssen auf die Krise reagieren“

Kann sich Deutschland seine Kulturlandschaft leisten? Inwiefern Theater und Oper gefährdet, wenn über ihren Sinn diskutiert wird? Ein Streitgespräch zwischen den Kultur-Ökonomen Dieter Haselbach und Manfred Weber.
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Handelsblatt: Herr Haselbach, Sie schlagen in Ihrem Buch „Der Kulturinfarkt“ vor, die Hälfte aller kulturellen Einrichtungen in Deutschland zu schließen. Ist das Effekthascherei, um einen Aufruhr in den Feuilletons zu provozieren?

Dieter Haselbach: Wir haben dieses Denkmodell formuliert, um eine Debatte darüber zu provozieren, nach welchen Kriterien wir bei stagnierenden Etats welche Institutionen fördern sollten. Wir haben weder gefordert, die Hälfte aller Einrichtungen zu schließen, noch die Hälfte der Etats zu streichen. Doch genau das wurde uns in den ersten Reaktionen vorgeworfen. Ich finde es bemerkenswert, dass der Deutsche Bühnenverein sofort gewarnt hat, dass Arbeitsplätze bei den Theatern wegfallen würden, wenn man die Subventionen kürze. Mir war neu, dass Theater dazu da sind, Beschäftigung sicherzustellen. Aber wir hören genau dasselbe von Seiten des Staates und des Verbandes. 
Manfred Weber: Wir sind dazu da, Theater zu machen – in der bestmöglichen Qualität. Aber natürlich haben wir auch eine Unternehmerverantwortung. Und dazu gehört auch die Sorge um Arbeitsplätze. Wenn es immer wieder und wieder um gravierende Kürzungen geht, rücken eben solche Argumente in den Vordergrund.
Haselbach: Es geht ja gar nicht darum, wie wirtschaftlich jedes einzelne Theater ist. Es geht darum, dass wir die Vielzahl von Institutionen, die wir haben, aus dem vorhandenen Fördertopf nicht mehr ausreichend alimentieren können. Also wäre es doch sinnvoll, über eine Neuverteilung der Kulturausgaben zu sprechen. Aber das wehren die etablierten Institutionen ab, weil sie ihre verteilungspolitischen Interessen gefährdet sehen. 
Weber: Wir müssen doch als Theater schon länger auf die Krise reagieren. Wenn ich zum Beispiel an die Kollegen in Wuppertal oder Oberhausen denke, haben die oft gar nicht mehr die Freiheit zu handeln, weil die finanziellen Einschnitte so groß sind. Diese Situation haben wir schon länger. Das will nur nicht jeder wahrhaben.

Handelsblatt: Aber ist dann nicht der Zeitpunkt gekommen, einzelne schwache Theater zu schließen, um die starken besser auszustatten?

Haselbach: Da gibt es leider stereotyp immer die gleiche Reaktion: Alle Institutionen müssen erhalten bleiben. 
Weber: Die Häuser sind ja auch nicht so einfach untereinander vergleichbar. Sie haben unterschiedliche Aufgaben und sind eingebettet in eine städtische Gesellschaft. Deshalb kann man diese Diskussion nicht nur von der Seite der Kulturförderung sehen, sondern auch unter der Fragestellung: Wie sollen unsere Städte in Zukunft aussehen, damit sie lebenswert sind?

Handelsblatt: In Wahrheit erreichen solche Kultureinrichtungen aber doch nur eine Minderheit der Bevölkerung.

Weber: Wir haben pro Jahr 200000 Besucher, 560000 Menschen leben in Düsseldorf. Jeder Dritte kommt also in unser Haus.
Haselbach: Aber die Rechnung geht doch nicht auf, da kommen sicher auch Leute mehrmals. Aus den Besuchszahlen kann man kaum auf die Durchdringung der Gesellschaft schließen.

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