Streitgespräch Wohnungsnot
„Mieten müssen steigen“ – „Millionen werden abgehängt!“

Die Politik will Mieten deckeln. Macht das Sinn? Darüber streiten Michael Voigtländer vom IW und Lukas Siebenkotten vom Mieterbund. Einer findet hohe Mieten gut, dem anderen fällt vor Staunen das Brötchen aus der Hand.
  • 57

Gibt es eine Wohnungsnot in Deutschland?
Michael Voigtländer: Wir haben keine Wohnungsnot in Deutschland. Bei uns ist der Wohnungsmarkt noch entspannt, das zeigen die Leerstandsquoten. Aber natürlich hat die Nachfrage in einzelnen Großstädten stark angezogen, dort sind die Preise sind gestiegen.
Lukas Siebenkotten: Der Begriff Wohnungsnot stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute befinden wir uns wieder auf dem Weg dorthin – nicht überall, aber insbesondre in Ballungszentren und Universitätsstädten. Der Druck macht sich durch steigende Mieten bemerkbar.

Funktioniert der Wohnungsmarkt nicht mehr?
Voigtländer: Natürlich funktioniert der Markt! Die hohen Mieten setzen Anreize, mehr zu bauen. Es dauert eine Zeit, bis neue Flächen erschlossen, Baugenehmigungen erteilt sind und gebaut wird. Doch in den Großstädten wird wieder mehr gebaut.

Siebenkotten: Diejenigen, die das entsprechende Geld haben, finden immer eine Wohnung. Das Problem ist, dass dabei Menschen, die nicht in der Lage sind höhere Mieten zu zahlen, abgehängt werden. Das müssen wir verhindern, indem wir den Markt regulieren. Wir müssen Exzesse verhindern.

Wie sehen diese Exzesse aus?
Siebenkotten: Wir haben in den heißen Märkten bei Wiedervermietungen teilweise eine Steigerung von 30, 40 und noch mehr Prozent. Der neue Mieter zahlt sofort einen hohen Aufschlag für ein und dieselbe Wohnung. Diese hohen Wiedervermietungsmieten sind dann die Bestandsmieten von morgen und betreffen alle Mieter.

Voigtländer: …30, 40 Prozent war das absolute Maximum bei den Wiedervermietungen. Aber bei Bestandsmieten, also für diejenigen, die in ihrer Wohnung bleiben, zeigt sich: Sie wachsen sehr moderat, sogar langsamer als die Inflationsrate. Das heißt: Wer nicht umzieht, den betreffen die steigenden Mieten nicht. Rentner, Arbeitslose und Menschen mit Niedrigeinkommen, die umziehen müssen, bekommen Unterstützung durch SGBII oder Wohngeld.

Aber wenn ein Normalverdiener eine Wohnung sucht…
Siebenkotten: München ist die Mietenhauptstadt der Republik. Es ist inzwischen so weit, dass ein Polizeibeamter oder eine Krankenschwester echte Schwierigkeiten hat, in ihrer eigenen Stadt eine Wohnung zu bezahlen. Das können wir so nicht hinnehmen. Wir müssen uns gerade um diese Normalverdiener genauso wie um die Bevölkerungsgruppen kümmern, die als Geringverdiener gelten, aber gleichzeitig noch keinen Anspruch auf Wohnungeld oder andere staatliche Unterstützung haben. Das sind Millionen von Menschen in Deutschland.

Voigtländer: Natürlich ist das hart für jeden, der eine Wohnung in München, Berlin oder Hamburg sucht. Da muss man überlegen, ob man weiter aus der Stadt rauszieht oder ob man eine kleinere Wohnung wählt. Der Ansatz von der Politik, keine steigenden Mieten mehr erlauben zu wollen, ist zwar schön, aber an der Wohnungsknappheit löst das nichts. Wir brauchen die hohen Mieten als Anreiz für Investoren. Was wir nicht brauchen sind weitere Regularien.

Siebenkotten: Warum eine Begrenzung von Wiedervermietungsmieten die Investitionen hemmen soll, habe ich bis heute nicht begriffen.

Erklären Sie es uns, Herr Voigtländer?
Voigtländer: Die Wiedervertragsmieten zu regulieren ist zwar deutlich besser als die Neubauvertragsmieten. Aber auch das hat einen direkten negativen Effekt auf den Neubau. Ein Investor kalkuliert gewisse Mietsteigerungen mit ein. Wenn die Miete gedenket ist, wird der Investor von vornherein mit einer höheren Miete in den Markt gehen, damit sich der Neubau lohnt. Wenn sich das nicht realisieren lässt, wird er gar nicht bauen.

Siebenkotten: Die Großinvestoren haben doch sowieso kein Interesse daran, Wohnungen zu errichten. Die wollen aus den Wohnungen, die sie besitzen, möglichst viel Geld herauszuziehen, die wollen gar nichts bauen. Die einzigen, die bezahlbaren Wohnraum schaffen, sind kommunale Gesellschaften. Deswegen sehe ich auch nicht das Problem, dass bei einer Begrenzung der Mieten weniger investiert wird.

Seite 1:

„Mieten müssen steigen“ – „Millionen werden abgehängt!“

Seite 2:

„Investoren werden sich zurückziehen“

Seite 3:

„Mir ist fast das Brötchen aus der Hand gefallen“

Kommentare zu " Streitgespräch Wohnungsnot: „Mieten müssen steigen“ – „Millionen werden abgehängt!“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wem gehört dieses Land? Den Bürgern oder den "Investoren"?

    Hier geht es genau um den Unterschied zwischen "FREIER (KANNIBALISTISCHER) MARKTWIRTSCHAFT und SOZIALER MARKTWIRTSCHAFT, bei der die Politik den gierigen, morallosen freien Mächten des Marktes Einhalt gebietet.

    http://dejure.org/gesetze/GG/14.html - Absatz 2!

    Eigentumsrechte haben Grenzen! ..ich korrigiere: Sollten Grenzen haben.

  • Sauband ich gebe Ihnen Recht und die zynischen Kommentare hier sind beschämend.

    Allerdings glaube auch ich nicht, dass die alten Pareteien - egal welche - hieran etwas wesentliches ändern. Die CDUCSUSPDFDPGRÜNEN sind doch durchsetzt von korrupten Personen, denen nur ihr eigenes Wohl am Herzen liegt.

  • Die Frage ist doch, ob Deutschland das Land der Vermögensbesitzer oder das Land der arbeitenden Bevölkerung sein soll.

    Das gesamte Wirtschaftssystem ist so nicht mehr tragbar.

    Wir haben eine ASSOZIALE MARKTWIRTSCHAFT.

    Wo soll denn die Regulierung greifen, wenn nicht hier?

    Allerdings ist das Problem so umfassend, dass es nicht darum gehen kann einfach nur die Mieten zu deckeln oder Mindestlöhne einzuführen. Die internationalen Zusammenhänge müssen einbezogen werden.

    Ein erster Schritt könnte die durchdachte Beendigung der unbegrenzten Freiheit des Kapitals sein, die ein absoluter Wahnsinn ist und der Politik die Gestaltungsmacht völlig aus der Hand nimmt. Das Geld herrscht anstatt des Volkes.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%