Stromlücke in Deutschland?
Energieverbrauch steigt überraschend schnell

Die Klimaschutzziele der Bundesregierung rücken in weite Ferne. Der Grund: Die für die kommenden Jahre angepeilte Steigerung der Energieeffizienz dürfte sich kaum erreichen lassen, weil der Stromverbrauch steigt statt zu sinken. Es stellt sich bereits wieder die Frage, ob Deutschland eine Stromlücke fürchten muss.



BERLIN. Nach den Vorstellungen der Bundesregierung soll die Energieeffizienz in Deutschland bis 2020 um 20 Prozent steigen. Die Effizienzsteigerung betrifft die drei Sektoren Wärme, Strom und Mobilität. Im Wärmebereich lassen sich durch bessere Dämmung und den Einsatz erneuerbarer Energien erhebliche Einsparpotenziale heben. Die Bundesregierung hat deshalb eine Reihe von Maßnahmen auf den Weg gebracht, etwa das Erneuerbare-Energien-Wärmgegesetz und die Verschärfung der Energieeinsparverordnung. Im Mobilitätssektor sollen Maßnahmen wie die am Kohlendioxidausstoß orientierte KFZ-Steuer zu Einsparungen führen.



Schwierig wird es beim Stromverbrauch. Er steigt. Im vergangenen Jahr lag das Plus bei 0,6 Prozent, im ersten Halbjahr 2008 betrug es 0,9 Prozent. In einem dem Handelsblatt vorliegenden Papier, das der Rat für Nachhaltige Entwicklung in dieser Woche vorstellt, heißt es, „dass sich bisher noch keine Trendumkehr bei der Stromverbrauchsentwicklung abzeichnet und die auf Verbesserung der Stromeffizienz setzenden Maßnahmen nur teilweise und/oder erst mit Zeitverzug greifen“.

Autoren sind die Energieökonomen Felix Matthes vom Öko-Institut und Hans-Joachim Ziesing, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen. „Deshalb könnte es aus Vorsichtsgründen angeraten sein, lediglich mit einer Stromverbrauchsminderung um vielleicht sechs Prozent bis 2020 zu rechnen“, schreiben Matthes und Ziesing. Das Bundesumweltministerium ist bislang wesentlich optimistischer. Es geht davon aus, dass der Stromverbrauch bis 2020 um elf Prozent sinkt. Greenpeace kalkuliert sogar mit 15 Prozent.

Die Entwicklung des Stromverbrauchs hat grundsätzliche Bedeutung. Denn am künftigen Stromverbrauch entscheidet sich, wie viele Kraftwerke gebaut werden müssen. Seit Monaten streiten sich Energieerzeuger, Wissenschaftler und Umweltschützer über diese Frage. Die äußerst vorsichtige Aussage von Matthes und Ziesing zu den Stromeinsparpotenzialen ist Wasser auf die Mühlen alle derjenigen, die vor einer Stromlücke warnen.

Losgetreten hatte die Stromlücken-Debatte die Deutsche Energieagentur (Dena). Die Agentur präsentierte im März eine Analyse, die zu dem Ergebnis kam, 2020 fehlten in Deutschland 15 konventionelle Großkraftwerke. Schon ab 2012 stehe nicht mehr genügend gesicherte Kraftwerksleistung zur Verfügung, um die Verbrauchsspitzen zu decken. Die Verknappung des Stromangebots werde die Preise deutlich steigen lassen. Dena-Chef Stephan Kohler propagiert daher den Bau neuer, effizienter Kohle- und Gaskraftwerke. Aus seiner Sicht dient das auch dem Klimaschutz, da alte, besonders klimaschädliche Kraftwerke mit geringem Wirkungsgrad vom Netz gingen.

Bei einem deutlichen Zubau erneuerbarer Energien würden neue Kohlekraftwerke nach Kohlers Überzeugung künftig auch klimaschonender eingesetzt werden: Statt im Dauerbetrieb die durchgehende Versorgung mit Strom zu gewährleisten („Grundlast“), würden sie mehr und mehr in den sogenannten Mittellastbereich rücken und die absehbaren Schwankungen im Strombedarf abdecken – mit über das Jahr gesehen geringeren Einsatzzeiten als heute und entsprechend geringeren Kohlendioxidemissionen.

Aus Sicht von Umweltschützern wird es die Stromlücke nicht geben. Sie verlassen sich auf einen erheblich sinkendenStromverbrauch. Sie wollen um jeden Preis verhindern, dass neue fossile Kraftwerke ans Netz gehen. Ihr Befürchtung: Neue Kohle- und Gaskraftwerke zementieren die Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern noch auf Jahrzehnte – mit negativen Folgen für das Klima.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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