Strukturwandel
Kratzer am Bild des Musterschülers

Die starke Wirtschaft Baden-Württembergs lockt jedes Jahr Tausende Menschen aus anderen Bundesländern an. Doch der Strukturwandel hat auch dieses Bundesland erfasst und kostet Arbeitsplätze in der Industrie.

STUTTGART. Eine Ablösung der bürgerlich-liberalen Regierung in Baden-Württemberg bei der Wahl am kommenden Sonntag gilt als äußerst unwahrscheinlich. Das Land steht im wirtschaftlichen Vergleich gut da. Allerdings häufen sich die Alarmzeichen.

Ausgerechnet das Bild von der Autoregion hat Risse bekommen. Zwar sei Baden-Württemberg in der Branche immer noch internationale Spitze, knapp vor der US-Metropole Detroit, sagte Regierungschef Günther Oettinger (CDU) kurz vor der Landtagswahl auf einem eigens einberufenen Autogipfel in Stuttgart: "440 000 Menschen stellen täglich ihre Arbeitszeit in den Dienst des Automobils." Doch ausgerechnet Daimler-Chrysler, lange Zeit das Vorzeigeunternehmen schlechthin des "Ländles", baut massiv Stellen in der Region Stuttgart ab, viele Zulieferer verlagern unter dem Kostendruck Produktion. "Ein Großteil der Produkte, mit denen wir Geld verdienen, kommt ja schon aus ausländischen Fabriken", warnt Südwestmetall-Präsident Otmar Zwiebelhofer. Für den Ministerpräsidenten wäre es deshalb bereits ein Erfolg, wenn die Branche die vorhandenen Arbeitsplätze stabilisieren könnte. "Mehr wird nicht drin sein", gibt der CDU-Regierungschef zu.

Mit Strukturkrisen hat Baden-Württemberg durchaus Erfahrungen. Im Schwarzwald ist die traditionsreiche Uhrenindustrie praktisch verschwunden, Fernseher und Stereoanlagen werden heute in Fernost produziert. In enger Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Furtwangen haben viele feinmechanische Firmen dort den Strukturwandel geschafft. Die Arbeitslosenquote der Region lag im Februar bei 7,3 Prozent, nur leicht über dem Durchschnitt von 7,2 Prozent für ganz Baden-Württemberg. Im Ländervergleich bedeutet das bundesweit den Spitzenplatz.

Traditionell ist die Region Stuttgart der wirtschaftliche Motor des Landes. Doch der ist ins Stottern geraten, weil im Strukturwandel mehr Stellen wegfallen, als durch Innovationen entstehen. Und wenn die exportorientierten Firmen neue Arbeitsplätze schaffen, dann meist im billigeren Ausland. Bosch zum Beispiel hat in den letzten Jahren weltweit die Belegschaft um 60 000 Mitarbeiter vergrößert, am Stammsitz allerdings blieb sie unverändert. Inzwischen weist Stuttgart eine Arbeitslosenquote von 8,2 Prozent aus. Der Index für die ökonomische und demographische Entwicklung, den das Berlin-Institut für alle deutschen Landkreise und kreisfreien Städte errechnet hat, ergibt für ländliche Regionen eine größere Dynamik. Spitzenreiter ist der Kreis Biberach in Oberschwaben, zwölf der 20 besten Regionen liegen in Baden-Württemberg. Die wirtschaftliche Attraktivität sorgt für Zuzug. Jahr für Jahr wächst die Einwohnerschaft des Landes um etwa 30 000 Menschen, die Bevölkerung ist im Durchschnitt ein Jahr jünger als in der gesamten Republik.

Kennzeichen der baden-württembergischen Wirtschaft ist der hohe Anteil von industriellen Hochtechnologiebranchen. 18 Prozent der Wirtschaftsleistung entfallen auf diesen Bereich, in Deutschland sind es nur elf Prozent. Fast zehn Milliarden Euro hat die Wirtschaft zwischen Mannheim und Konstanz zuletzt in Forschung und Entwicklung investiert - gut ein Viertel aller deutschen FuE-Aufwendungen. Mit 121 Patenten je 100 000 Einwohner war der Südwesten 2004 klarer Spitzenreiter vor Bayern mit 109. Einen großen Anteil hat das Transfersystem der Steinbeisstiftung, die Mittelständlern gezielt bei der Entwicklung neuer Produkte hilft. Ihre Zentren werden von Professoren geführt, die Forschungsergebnisse auf kurzem Weg den Unternehmen zur Verfügung stellen.

Zwei Kehrseiten hat die Dominanz der Industrie: Die so wissensbasierten Dienstleistungsbranchen hinken in Baden-Württemberg hinterher. Und das Land ist stark vom Auf und Ab der Weltkonjunktur abhängig. Aktuell sorgt das wieder für überdurchschnittliche Wachstumsraten. "Die baden-württembergische Industrie ist mit viel Schwung in das Jahr 2006 gestartet", freut sich Hans-Eberhard Koch, der Vorsitzende des Landesverbandes der Industrie. Um 16 Prozent lagen die Umsätze im Januar über dem Vorjahreswert, die Exporte stiegen um fast 25 Prozent, der Inlandsabsatz verbuchte immerhin ein Plus von 7,5 Prozent. Ganz vorne fahren der Fahrzeugbau mit 31 Prozent und der Maschinenbau mit 18 Prozent. Dabei ist die Zahl der Industriebeschäftigten unter 1,2 Millionen gesunken und hat damit Anfang 2006 einen historischen Tiefstand erreicht. Kochs Fazit fällt trotzdem positiv aus: "Baden-Württemberg kann sich nur begrenzt von der Gesamtentwicklung in Deutschland abkoppeln, weist jedoch bei einer Reihe von Indikatoren deutlich bessere Werte auf."

Zu den Infrastrukturschwächen zählt das Verkehrswegenetz. Wichtige Autobahnen haben noch Abschnitte mit Vorkriegsstandard und sind völlig überlastet. Der Ausbau zählt zu den zentralen Forderungen der Wirtschaft an die Politik.

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