Strukturwandel
Von Dortmund lernen

Lässt sich radikaler Strukturwandel steuern? Wenn ja: Was sollten Städte und Regionen tun, was lassen? Beispielhaft für die positive Entwicklung alter Industrieregionen steht Dortmund. In der sechstgrößten Stadt Deutschlands ist ein neues Zeitalter angebrochen.

DORTMUND. Statt Steinkohle fördert die NRW-Landesregierung nun kreative Köpfe im Ruhrgebiet. Das Kabinett beschloss soeben, bis 2013 vier Milliarden Euro an pfiffige Gründer zu vergeben, die sich möglichst in einer der Zukunftsbranchen selbstständig machen. „Ein neuer Politikansatz für den Strukturwandel“, jubelte NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU), die damit eine Abkehr von großen Förderprogrammen einläuten will: Statt in Leuchtturm-Projekte will die Politik in helle Köpfe investieren.

„Typisch“, kommentiert Klaus Dörre die Pläne der Ministerin. Der Professor für Industriesoziologie an der Universität Jena hat sich intensiv mit Strukturpolitik in Industrieregionen beschäftigt. „Im Schatten der Globalisierung“ – so der Titel seiner jüngst veröffentlichten Studie über die drei alten Industrieregionen Dortmund, Nürnberg und Chemnitz – habe Politik nun einmal nur begrenzt Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen. Die Politik fördere dennoch ständig neue Ideen und Ansätze zutage, die so neu meist gar nicht sind.

„Existenzgründungsförderung ist ein alter Hut“, urteilt der Soziologe, „für sich genommen ist das neue Landesprogramm sogar ein Rückschritt zu dem Ansatz, der seit Jahren erfolgreich zum Beispiel in Dortmund betrieben wird.“ Lässt sich radikaler Strukturwandel überhaupt steuern? Und wenn ja: Was sollten Städte und Regionen tun, was lassen? Man schaue nach Dortmund, empfiehlt Dörre: „Die Stadt hat vieles richtig gemacht.“

Wer Visionen hat, der sollte nach Dortmund gehen - in der sechstgrößten Stadt Deutschlands wird mit dem Slogan seit Jahren Politik gemacht. 70 000 Arbeitsplätze in zehn Jahren zu schaffen, lautete einmal eine der Visionen; aus der größten Industriebrache ein Naherholungsgebiet mit See und Yachthafen zu machen, eine andere. Verwegen auch das Vorhaben, den Dortmundern den traditionellen Dreiklang „Kohle, Stahl und Bier“ auszutreiben – und ihn durch die sperrigen neuen Leitbranchen „Logistik, Mikrosystemtechnologie und IT“ zu ersetzen.

In Zeitungsanzeigen und Kino-Spots lernten die Dortmunder, dass in ihrer Stadt ein neues Zeitalter angebrochen ist. „Wat iss?“ fragt da manch einer verständnislos. „DO-IT“, kontert Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer (SPD), dessen Dienstwagen dieses Kennzeichen trägt, mir der direkten Anspielung auf die Informationstechnologie. Das klingt nach einem Siegeszug des Stadtmarketings. „Tatsächlich erschöpft sich regionale Strukturpolitik oft darin“, sagt Dörre, „in Dortmund war es allerdings nicht so.“

Die Probleme waren die vieler Ruhrgebietsstädte: Die letzte von 30 Zechen wurde 1987 geschlossen. Es blieb die Montanindustrie, doch auch im letzten Stahlwerk erlosch 2001 das Feuer. Die Stahlproduktion, einst Arbeitgeber für 40 000 Menschen, gibt es nicht mehr, ebenso wenig wie viele Biere, die früher in Dortmund gebraut wurden. Seit 1970 gingen rund 80 000 Arbeitsplätze verloren; die Arbeitslosenquote betrug in Spitzenzeiten 17,1 Prozent.

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