Studie
Deutsche fürchten die soziale Schere

Mehr eigene Leistung, zügigere Reformen, weniger Staat: Das will die Mehrheit der Deutschen laut Online-Umfrage „Perspektive Deutschland“. Allerdings: Stärker als die Jahre zuvor wünschen sich die Menschen soziale Ausgewogenheit. Die Ergebnisse verdeutlichen: Die Bürger sind verunsichert.

HB BERLIN. Einerseits wünschen sich die Deutschen den schlanken Staat, der den Menschen größtmögliche Freiheiten lässt und in dem eine stärker an Leistung orientierte Gesellschaft sich entfalten kann. Andererseits fordern sie einen stärkeren Staat, der sie besser schützt. Das ist das Ergebnis der heute von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker vorgestellten repräsentativen Umfrage "Perspektive Deutschland". An der Online-Befragung beteiligten sich von Oktober 2005 bis Januar 2006 mehr als 620 000 Menschen.

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen fordert demnach von der Bundesregierung mehr Reformen. 61 Prozent hielten die bisherigen Reformen für nicht ausreichend, heißt es in einer Studie. Dabei geht es nicht nur um eine Umgestaltung der Systeme, sondern auch der Parteien und des Bundestags. Von Weizsäcker kommentierte: „Kein Zweifel besteht am Aufwärtstrend der Reformbereitschaft.“ Die Bevölkerung sei von der Notwendigkeit von Reformen überzeugt. Ihre Bereitschaft dazu sei offenbar größer, als die Eliten das manchmal wahrhaben wollten. „Insgesamt kann man sagen, so eine pessimistische Grundstimmung nimmt eher behutsam ab.“

Laut Umfrage herrscht Einigkeit bei der Richtung der Veränderung: 83 Prozent sprechen sich für eine bessere Belohnung von Leistung aus, 54 Prozent plädieren für weniger Staat mit einer stärkeren privaten Risikoabsicherung. Gleichzeitig wünsche sich der Großteil mehr sozialen Ausgleich und nehme den Staat in den Bereichen Gesundheit, Rente und Bildung in die Pflicht, heißt es. Der Arbeitsmarkt sei das wichtigste Reformthema. 75 Prozent sähen hier „besonders hohen Handlungsbedarf“.

Geprägt sei das derzeitige Stimmungsbild von einer stärkeren Leistungsorientierung. Fleiß und Ehrgeiz seien die wichtigsten Werte der Deutschen (72 Prozent). Die Mehrheit bekenne sich zu „lebenslangem Lernen“, 29 Prozent könnten sich „auf jeden Fall“, 50 Prozent „unter Umständen“ vorstellen, in einem anderen Beruf zu arbeiten.

Unverändert werden die Deutschen jedoch von Ängsten geplagt, wie es weiter hieß. Knapp 60 Prozent erwarteten eine Verschlechterung ihrer finanziellen Situation. Fast genau so viele (58 Prozent) erwarteten, dass sie im Alter nicht mehr für Lebensunterhalt und Gesundheitskosten aufkommen könnten. Angst um den Job habe jeder Zweite.

Die Initiative Perspektive Deutschland wird von der Unternehmensberatung Mc Kinsey, dem ZDF, dem Magazin „Stern“ und dem Internetportal Web.de gebildet. Die Umfrage ist den Angaben zufolge die größte gesellschaftspolitische Online-Befragung weltweit. Um Menschen ohne Internetzugang einzubeziehen, befragte das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest parallel dazu 2400 repräsentativ ausgewählte Personen in einem persönlichen Interview.

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