Studie
Deutschland ist streikarmes Land

Streiks bei der Bahn, bei der Post, im öffentlichen Dienst – trotz der jüngsten Arbeitskämpfe ist Deutschland ein streikarmes Land. Das ist zumindest das Ergebnis einer aktuellen Studie. Nur in einem der untersuchten Länder wird noch seltener gestreikt.

HB DÜSSELDORF/BERLIN. Deutschlands Arbeitnehmer sind zuletzt wieder streikfreudiger geworden. Dennoch lassen die Gewerkschaften in der Bundesrepublik weit weniger die Muskeln spielen als in den 80er und 90er Jahren und rufen auch im Vergleich zum Ausland seltener zur Arbeitsniederlegung auf.

Das geht aus dem neuen Tarifhandbuch des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor.

Demnach wird im Vergleich von 20 Industrienationen nur in der Schweiz seltener gestreikt. Die Analyse wurde am Dienstag vorgestellt.

In den vergangenen Monaten hatten vor allem Aktionen bei der Bahn, dem Öffentlichen Dienst und der Deutschen Post Schlagzeilen gemacht. „Die Zunahme der Streiks fällt auch deshalb so stark auf, weil wir seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre eine Phase mit außergewöhnlich wenigen Arbeitskämpfen erlebt haben“, sagte der Autor der Analyse, Heiner Dribbusch. „Einiges spricht dafür, dass diese Phase zu Ende geht - ohne dass Deutschland deshalb zu einer „Streikrepublik wird.“

Denn im langfristigen Zeitvergleich hat in Deutschland bis 2006 die Zahl der Arbeitskampftage abgenommen: Zwischen 2000 und 2006 fielen nach Angaben des WSI im Jahresdurchschnitt 4,1 Arbeitstage pro tausend Beschäftigte durch Streiks und Aussperrungen aus.

Dagegen waren es in den 1990er Jahren 11,2 Tage und in den 80er Jahren 25,2 Tage, berichtete das Institut. Während der 70er Jahre fielen demnach im Jahresschnitt 50,7 Tage pro tausend Beschäftigte aus – auch bedingt durch großflächige Aussperrungen. „Selbst in den 60er Jahren war das Niveau höher als seit der Jahrtausendwende“, hieß es.

Zudem bleibt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich ein sehr streikarmes Land. So fielen laut WSI zwischen 1995 und 2006 im Jahresdurchschnitt 3,6 Arbeitstage pro tausend Beschäftigte durch Arbeitskämpfe aus. In Kanada waren es hingegen 203,4 Arbeitstage, in Spanien 134,8, in Frankreich 91,4 und in Norwegen 74,3 Arbeitstage.

Ein Grund für die nach internationalen Maßstäben niedrige Arbeitskampfintensität ist laut Dribbuschs Analyse ein vergleichsweise restriktives Streikrecht. Hierzu gehört das in Deutschland weitgehend akzeptierte Verbot politischer Streiks.

Daneben trage auch das Prinzip der Einheitsgewerkschaft mit vergleichsweise wenigen Gewerkschaften, das sozialpartnerschaftlich angelegte Modell der Mitbestimmung sowie das System der Flächentarifverträge zur Verminderung der Konflikte bei.

Veränderungen des Tarifsystems dürften daher auch Auswirkungen auf Zahl und Intensität der Auseinandersetzungen haben, sagte Dribbusch: „Sollte etwa der Trend zu Firmentarifverträgen weiter zunehmen, wird auch die Zahl der Arbeitskämpfe davon nicht unberührt bleiben.“

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