Studie Fast 90 Prozent der Deutschen fühlen sich der Digitalisierung ausgeliefert

Einer Studie zufolge ist zwar jeder Zweite an Technik interessiert. Doch die überwiegende Mehrheit hat Angst den digitalen Anschluss zu verlieren.
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89 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass man den Fortschritt nicht aufhalten kann. Quelle: Imago/Westend61
Selfie auf Pflasterstein

89 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass man den Fortschritt nicht aufhalten kann.

(Foto: Imago/Westend61)

BerlinDie schöne neue digitale Welt könnte so aussehen: Der Beschäftigte kommt im autonom fahrenden Auto aus dem Büro, wo ihm ein Algorithmus viel Arbeit abgenommen hat. Zu Hause hat die automatische Klimaregulation die Fenster geöffnet, und kaum biegt das Auto um die Ecke, fahren der Saug- und der Rasenmähroboter in die Parkposition.

So schön ist diese Welt in den Augen der Deutschen allerdings gar nicht. Denn die stehen der Digitalisierung und neuen Technologien durchaus skeptisch gegenüber, wie der neue „Technik-Radar“ des Zentrums für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (Zirius) im Auftrag von Acatech und der Körber-Stiftung zeigt. Laut der repräsentativen Befragung ist zwar gut jeder Zweite an Technik interessiert. Nur ein knappes Viertel der Befragten ist aber der Ansicht, dass Technik mehr Probleme löst, als sie schafft.

89 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass man den Fortschritt nicht aufhalten kann, fühlen sich der Entwicklung aber zunehmend ausgeliefert: „Es ist ein bisschen wie beim Zauberlehrling. Die Bevölkerung fürchtet, dass man der Geister, die man rief, nicht mehr Herr wird“, sagt Zirius-Direktorin Cordula Kropp.

So glaubt fast jeder zweite Befragte, dass durch die Digitalisierung die Arbeitslosigkeit zunehmen wird. Skepsis zeigt sich auch bei ganz konkreten Anwendungen wie dem autonomen Fahren oder dem Smart Home. Die Angst, dass Internetkriminelle die Wohnung kontrollieren, ist bei mehr als zwei Dritteln der Deutschen verbreitet. Und nur 16 Prozent der Autofahrer wären bereit, sich ganz einem Roboter auszuliefern.

Pflegeroboter spaltet die Gemüter

Es wirkt paradox: Auf der einen Seite blicken die Deutschen mit Unbehagen auf technische Neuerungen, auf der anderen Seiten nutzen sie Dienste wie Google, Facebook oder Amazon mehrfach täglich. Dabei haben gerade einmal zehn Prozent der Bürger überhaupt eine genaue Vorstellung davon, was ein Algorithmus, der Kern dieser Dienste ist, überhaupt macht, zeigt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für die Bertelsmann Stiftung. 73 Prozent der Befragten unterstützen sogar ein Verbot von Entscheidungen, die nur von Software ohne menschliche Beteiligung getroffen werden.

Joanna Schmölz, Vizedirektorin beim Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI), sieht die Politik stärker in der Pflicht, den Deutschen das Unbehagen im Umgang mit neuen Technologien zu nehmen. „Das Problem ist, dass die Unternehmen, die die Kriterien für digitale Produkte und algorithmengesteuerte Entscheidungen definieren, in der Regel nicht in Europa sitzen“, sagt sie. Die Bundesregierung und die EU tue noch viel zu wenig, damit sie sich trotzdem an europäische Werte und Gesetze hielten.

„Die Politik ist da noch viel zu leise.“ Das habe man bei der Anhörung von Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor dem EU-Parlament gesehen. „Damit die Nutzer mehr Vertrauen in die Technik haben, müssen sie sich darauf verlassen können, dass sich die Unternehmen an unsere Regeln halten“, betont Schmölz.

Dadurch, dass die Deutschen lieber die Dienste der Platzhirsche wie Google, Facebook oder Amazon nutzen, sorgen sie zudem dafür, dass kaum Wettbewerb in den Märkten besteht, warnen Experten. „Mit jedem Onlineangebot, das die Menschen über die globalen Plattformen nutzen, stärken sie sie zulasten der kleinen europäischen Anbieter, machen ihre Algorithmen mächtiger“, warnt Martin Schallbruch, Vizedirektor beim Digital Society Institute der ESMT.

Auf jeden Fall trauen die Deutschen Unternehmen und Politik nur bedingt zu, den technologischen Wandel verantwortungsvoll zu gestalten, wie die Zirius-Umfrage zeigt. „Die Menschen sind nicht per se technikfeindlich, aber sie stellen zunehmend die Frage, in wessen Dienst sie eigentlich steht“, sagt Kropp. Die Angst, dass Konzerne mit den Nutzerdaten machen, was sie wollen, ist weit verbreitet.

Die Frage des Nutzens stellt sich auch beim Pflegeroboter. Er wird begrüßt, wenn es um die Entlastung der Pflegekräfte geht. Gleichzeitig sehen aber 53 Prozent der Befragten die Rationalisierungspotenziale. Sie fürchten, dass sich am Ende nur noch Wohlhabende von Menschen pflegen lassen können.

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