Studie
Unterschicht-Kinder spüren Benachteiligung früh

Kinder aus sozial schwachen Familien fühlen sich schon früh für den Rest ihres Lebens benachteiligt: Sie schätzen ihre Zukunftschancen schlechter ein, streben niedrigere Schulabschlüsse an und haben häufiger Angst vor Arbeitslosigkeit ihrer Eltern.

HB BERLIN. Das geht aus der ersten Kinderstudie des christlichen Kinderhilfswerks World Vision hervor, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Auch wenn sich die Mehrheit der Kinder mit ihrem Leben recht zufrieden zeigte, wurden soziale Unterschiede deutlich wahrgenommen. So bewerteten Kinder aus der Unterschicht ihre Leistungsfähigkeit pessimistischer als Gleichaltrige aus der Mittel- oder Oberschicht. Außerdem vermissen sie die Zuwendung ihrer Eltern und glauben nicht, dass sich die Politiker für ihre Situation interessieren.

Für die repräsentative Umfrage nach dem Vorbild der anerkannten Shell-Studie befragten Sozialforscher erstmals bundesweit knapp 1600 Kinder im Alter von acht bis elf Jahren nach Zufriedenheit und Wünschen im Leben. Dabei stießen sie auf einige überraschende Ergebnisse: Die Mädchen und Jungen haben beispielsweise ein sehr inniges Verhältnis zu ihren Eltern - enger als jede Generation vor ihnen, wie es hieß. Zu Hause fühlen sie sich sicher und geborgen.

Doch genau diese Familienzentriertheit könnte ihnen nach Angaben der Forscher in einigen Fällen auch zum Verhängnis werden. Immerhin bestimme die soziale Herkunft entscheidend mit, was in der Zukunft aus den Kindern werde, erklärte Studienleiter und Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld.

Diesen Einfluss machten die Forscher an der Freizeitgestaltung deutlich, die als wichtiger Indikator für das von den Eltern gebotene Anregungspotenzial der Kleinen gilt. Während nämlich die meisten Kinder der Mittel- und Oberschicht viel lesen, sich bewegen und mit Musik und Kunst beschäftigen, gelten zahlreiche Mädchen und Jungen aus der Unterschicht als starke Medienkonsumenten, die viel vor dem Fernseher oder der Spielekonsole sitzen. „Die Kinder haben noch kein Bewusstsein für oben oder unten, aber sie merken, dass sie nichts weiter bringt“, sagte Hurrelmann.

Wenn Eltern Aktivitäten nicht förderten, lähmten sie den Bildungseifer und die ganze Leistungsfähigkeit ihrer Kinder, erklärte Hurrelmann. In dieser Hinsicht gebe es zwischen den sozialen Schichten „große Klüfte“. Die Forscher forderten daher, dass die Eltern stärker als bisher durch Politik und Gesellschaft unterstützt werden müssten.

Die Studie brachte noch eine weitere Tendenz: Während die meisten Kinder mit der elterlichen Aufmerksamkeit zufrieden waren, klagten 13 Prozent über ein Zuwendungsdefizit. Ursache war allerdings meist nicht die Berufstätigkeit der Eltern. Im Gegenteil: „Haben Eltern Arbeit, sind die Kinder meist mit der Zuwendung zufrieden“, erklärte Hurrelmann. „Überraschenderweise kümmern sich dagegen arbeitslose Mütter und Väter eher wenig um ihre Kinder.“ Demnach fühlt sich ein Drittel der Kinder von Arbeitslosen vernachlässigt, bei Berufstätigen sind es 17 Prozent.

„In Familien mit arbeitslosen Eltern gibt es keine feste Alltagsstruktur“, erklärte Hurrelmann. Für Kinder sei aber genau das wichtig. „Sie wünschen sich eine sichere Zeit mit ihren Eltern.“ Daher hätten auch besonders viele Mädchen und Jungen der Unterschicht Angst davor, dass ihre Eltern arbeitslos werden. Immerhin hätten das bereits 13 Prozent aller Kinder erlebt.

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