Studie zu Kinderarmut
Bist du arm, bleibst du arm

Fast ein Drittel der in Deutschland lebenden Kinder kennt das Leben in Armut. Und eine Studie zeigt: Für mehr als 20 Prozent der Familien gilt, dass diese Armut ein Dauerzustand ist. Die Politik soll Konsequenzen ziehen.
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GüterslohMehr als jedes fünfte Kind in Deutschland lebt laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung länger als fünf Jahre in armen Verhältnissen. Für zusätzlich 10 Prozent der Kinder in der Bundesrepublik ist Armut nach der Untersuchung, die am Montag vorgestellt wird, zumindest ein zwischenzeitliches Phänomen. „Kinderarmut ist in Deutschland ein Dauerzustand. Wer einmal arm ist, bleibt lange arm. Zu wenige Familien können sich aus Armut befreien“, sagt Stiftungsvorstand Jörg Dräger zum Ergebnis der Studie, die der dpa vorab vorlag.

Als armutsgefährdet gelten Kinder, die in einem Haushalt leben, der über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens verfügen kann oder vom Staat eine Grundsicherung erhält. Wie viele Kinder in armen Verhältnissen leben, ist bekannt. Neu aber: Für die Studie haben die Forscher erstmals über den Zeitraum von 2011 bis 2015 untersucht, wie undurchlässig die sozialen Milieus sind.

Armut bedeutet laut Bertelsmann-Stiftung für die Kinder Verzicht. Die Grundversorgung ist demnach in der Regel gewährleistet, aber die Betroffenen sind vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt. Um das messbar zu machen, fragen die Wissenschaftler, welche 23 Güter und Aspekte aus finanziellen Gründen in den Familien fehlen. Darunter fallen Kinobesuche, Freunde einladen, Computer mit Internetzugang oder eine zu kleine Wohnung. Kinder in einer dauerhaften Armutslage geben laut Studie an, dass ihnen im Schnitt 7,3 der abgefragten Güter fehlen. Kinder mit zwischenzeitlicher Armutserfahrung geben an, im Durchschnitt auf 3,4 Dinge verzichten zu müssen. Kinder, die dauerhaft in gesicherten Verhältnissen leben, fehlen aus finanziellen Gründen im Schnitt nur 1,3 der abgefragten 23 Güter.

„Die zukünftige Sozialpolitik muss die Vererbung von Armut durchbrechen. Kinder können sich nicht selbst aus der Armut befreien - sie haben deshalb ein Anrecht auf Existenzsicherung, die ihnen faire Chancen und gutes Aufwachsen ermöglicht“, sagt Dräger. Daher solle die Politik Kinder nicht wie kleine Erwachsene behandeln, sondern die bisherigen familienpolitischen Leistungen neu bündeln und unbürokratisch helfen.

Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden hat sich nach einem Bericht der „Saarbrücker Zeitung“ (Montag) in den letzten Jahren spürbar erhöht. 2016 verfügten 43,6 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe über entsprechend geringe Einkünfte. Im Jahr 2005 lag der Anteil noch bei 39,3 Prozent. Das Blatt beruft sich für seine Angaben auf aktuelle Daten der Bundesregierung, die die Sozialexpertin der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, abgefragt hatte. Demnach war auch deutlich mehr als jeder dritte Alleinerziehenden-Haushalt mit minderjährigen Kindern auf Grundsicherung für Arbeitssuchende (Hartz IV) angewiesen. Der Anteil lag bei 36,9 Prozent. In absoluten Zahlen waren das 606 000 - knapp 42 000 mehr als 2005.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Aus http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/publizistik-preis-fuer-handelsblatt-redakteur-wuerde-tucholsky-twittern/20483562.html:
    „Medien und Journalisten haben zumindest in Deutschland heute weit weniger Probleme als Kurt Tucholsky und die „Weltbühne“ zu ihrer Zeit. Andererseits können auch ökonomische Probleme existenziell werden. Und damit sind wir dann wieder gar nicht so weit weg von Edward Snowden, seinen allmächtigen digitalen Gegnern, aber auch unserer Gegenwart: In der Türkei werden Journalisten inhaftiert, weil sie ihren Job gemacht haben. Auf Malta wurde aus dem gleichen Grund jüngst eine Kollegin erschossen.

    Freie Medien sind ein Luxus geworden. Etwas (…) was irgendwie des Schutzes bedarf, den wir uns dann nicht immer aussuchen können: Amazon-Gründer Jeff Bezos zum Beispiel hält sich mittlerweile die stolze „Washington Post“ wie andere Leute eine Taubenzucht. Geschichte geht noch ironischer: (…). Vergangene Woche stockte der Großinvestor/Spekulant George Soros die Mittel seiner Stiftung „Open Society“ um 18 Milliarden Dollar auf. Ihr Ziel: die Verteidigung der Meinungsfreiheit.“

    Noch einmal:

    Dass die Frage „Geld haben oder nicht haben“ offenbar die alles entscheidende ist, darf einfach nicht sein.

    Mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun. Denn für Gleichberechtigung und Chancengleichheit sind vergleichbare (wenigstens annähernd) Startvoraussetzungen unabdingbar. Dazu hier ein Ausschnitt aus dem Kommentar „Aufwachen!“ (gestern auf S. 17 im HB):

    „Vielleicht ist das etwas für die Verhandlungen zur Jamaika-Koalition: Der Bund gibt Geld, um den Unterrichtsausfall zu beenden. Aber nur, wenn er im Gegenzug überprüfen kann dass Unterricht stattfindet und alle Schüler in Deutschland in vergleichbaren Prüfungen dieselben Standards erreichen.“

    Genau. Das „Wenn-Dann-Prinzip“. Wie bei den Blockchains: Alles jederzeit nachvollziehbar.

    Wie Deutschland derzeit (Schul-)bildungspolitikmäßig aufgestellt ist, ist immer mehr eine Sünde und ein Skandal.

  • Da hat man sich beim HB mit „Diskutieren erwünscht – aber richtig“ ja ein richtig rigides Zensur-Instrument einfallen lassen.

    Mit dieser Begründung lassen sich sehr durchdacht reine Meinungsäußerungen herrlich mit dem Ergebnis „editieren“, dass bestimmte Meinungen anschließend weg sind.

  • Vielleicht sollten wir in D den Konsumwahn wieder etwas zurückdrehen. Dann wären auch nicht so viele Kinder arm, weil sie nicht jeden Unsinn mit machen können. Wirklich armen könnte geholfen werden, wenn die Regierung nicht mit der Gießkanne mehr als Hälfte des Bundeshaushalts für soziale Wohltaten ausgeben würde.

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