Studie zum Wertewandel
Reformbereit und tolerant

Vor einem Jahr schauten die Deutschen in den Spiegel und erkannten sich selbst nicht wieder. Das sollten sie sein – so offen, tolerant, zufrieden? Das Volk überraschte sich während der Fußball-Weltmeisterschaft selbst. Jetzt zeigt eine neue Studie zum Wertewandel: In puncto Offenheit und Innovationsfreudigkeit sind die Deutschen viel weiter, als Politiker glauben.

HAMBURG. Der Politikwissenschaftler Christian Welzel, Professor an der Jacobs University in Bremen, erfragt gemeinsam mit anderen Forschern aus aller Welt alle fünf Jahre im „World Values Survey“, welche Überzeugungen die Menschen umtreiben – eine Wertestudie in insgesamt mehr als 60 Ländern (» www.worldvaluessurvey.com). Den deutschen Teil der Wertestudie fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit 340 000 Euro.

Die Deutschen wurden 2005 zum bisher letzten Mal befragt. In diesem Herbst sollen die Daten der deutschen Teilstudie vollständig ausgewertet sein. Schon jetzt ist klar: Das Land ist im weltweiten Vergleich ziemlich weit oben, was Offenheit, Veränderungsbereitschaft und Toleranz angeht – übertroffen nur von traditionell innovationsfreudigen Ländern wie den skandinavischen, den angelsächsischen oder den Niederlanden. „Die Politik unterschätzt die Reformbereitschaft der Deutschen. Das Innovationspotenzial ist viel größer als gemeinhin angenommen“, sagt Welzel.

Wertestudie – das klingt zunächst angestaubt und moralisierend. Welzel sieht die Sache aber ganz neutral: „Werte sind tief liegende Einstellungen und Überzeugungen, Lebensziele und Vorstellungen, alles Dinge, die das Handeln von Menschen entscheidend mitbestimmen.“ Darunter fällt die Haltung zu Religion oder Familie ebenso wie die zur Gleichberechtigung der Geschlechter oder zur Staatsform.

Mit einem Fragebogen, der mehr als 100 Punkte umfasst, geht das internationale Forscherteam den Überzeugungen schon seit 1981 regelmäßig nach, zunächst in nur 24 Ländern, inzwischen rund um die Erde. Die wichtigste Beobachtung beim fünften Survey zeichnet sich bereits ab: Die Werte verändern sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Egal wo auf der Welt, je wohlhabender und entwickelter eine Gesellschaft ist, umso mehr glaubt sie an die so genannten emanzipatorisch-individualistischen Werte wie Toleranz, Entscheidungsfreiheit, Demokratie und Gleichberechtigung.

„Die Ökonomie einer Gesellschaft ist für die Einstellungen einer Gesellschaft viel maßgeblicher als die Politik“, sagt Welzel, der im Exekutivausschuss der World Values Survey Association sitzt, wo Wissenschaftler aus Schweden, Spanien und der Türkei den Fragebogen erarbeiten. Dieser Wandel sei derzeit vor allem in den prosperierenden Küstenstädten Chinas zu beobachten.

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