Studie zur Einkommens- und Vermögensverteilung

Wächst die Ungleichheit in Deutschland?

Arm und Reich driften auseinander – diese Ansicht vertreten selbst prominente Ökonomen. Das Institut der deutschen Wirtschaft behauptet jetzt das Gegenteil. Und verweist auf steigende Löhne. Eine Analyse.
Die Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer – diese vermeintliche Gewissheit stellen Wissenschaftler infrage. Quelle: dpa
Armut in Berlin

Die Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer – diese vermeintliche Gewissheit stellen Wissenschaftler infrage.

(Foto: dpa)

BerlinDie Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer: Dieser gefühlten Gewissheit tritt an diesem Montag das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) entschieden entgegen: In den letzten Jahren seien die Löhne stark gestiegen, deshalb schließe sich die Schere zwischen Arbeitnehmer-Einkommen und Kapitaleinkünften wieder.

IW-Chef Michael Hüther stellt sich damit gegen DIW-Chef Marcel Fratzscher, der in seinem Buch „Verteilungskampf – Warum Deutschland immer ungleicher wird“ geschrieben hatte: Aus Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“ sei längst ein „Wohlstand für wenige“ geworden. Bei Vermögen, Einkommen und Lebenschancen beklagte Fratzscher ein beständiges Auseinanderdriften von Arm und Reich.

Wer hat also recht? Bei genauem Hinsehen: beide ein wenig. Das erscheint paradox, ist es aber nicht: Es kommt wie immer im Umgang mit Statistiken darauf an, auf welche Größen eine Analyse ihren Schwerpunkt legt. Etwa auf den Zeitraum: Während Fratzscher sich bei der Lohnentwicklung den Zeitraum von 1990 bis 2014 anschaute – und über diese Zeit ein Auseinanderdriften feststellte – betrachtet Hüther den Zeitraum 2009 bis 2013: In diesem konnten die zehn reichsten Prozent der Bevölkerung ihre Einkünfte nur um 2,8 Prozent steigern, während die realen Bruttolöhne der Vollzeitbeschäftigten um 6,6 Prozent zulegten.

Das hat allerdings auch viel damit zu tun, dass nach der Finanzkrise zunächst Vermögenswerte weniger Zins- und Kursgewinne einbrachten, während Deutschland die Rezession von 2009 schnell hinter sich ließ und seither fast Vollbeschäftigung erreicht hat. „Politik und Gesellschaft sollten die positiven Seiten der wirtschaftlichen Entwicklung wahrnehmen, und nicht alles schwarz malen“, findet Hüther. Die Nettoeinkommen der Gesamtbevölkerung seien nach staatlichen Abgaben und zuzüglich Renten- und Sozialtransfers genauso zwischen Arm und Reich verteilt wie 2005.

Das ist im Hartz-IV-Regelsatz enthalten
Empfangsschalter der Arbeitsagentur
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Ab 2017 erhalten alleinstehende Empfänger von Arbeitslosengeld II, oft kurz Hartz IV genannt, 409 Euro pro Monat, also fünf Euro mehr als bisher. Von dem derzeitigen Regelsatz von 404 Euro müssen Arbeitslose alle Dinge des täglichen Bedarfs bezahlen können – von Essen über Kleidung bis zu Strom und Gesundheitskosten. Doch wie schlüsselt sich der Betrag auf? Die Bedarfssätze im Überblick.

Bereich 11: Bildung
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Für einen alleinstehenden Bürger soll mit 1,54 Euro der Bedarf an Bildung gedeckt werden. Für diesen Bereich sieht der Hartz-IV-Regelsatz somit am wenigsten Geld vor.

Bereich 10: Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen
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Das Bundeskabinett sieht für einen Hartz-IV-Bezieher monatlich acht Euro vor, um Gaststättendienstleistungen in Anspruch nehmen zu können. Dies spiegelt rund zwei Prozent vom Gesamtbetrag wider.

Bereich 9: Gesundheitspflege
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Rechnungen für Medikamente und sonstige Produkte aus der Gesundheitspflege sollen laut dem neuen Regelsatz mit 17,37 Euro beglichen werden. Allerdings können Bürger mit Behinderung oder kostenaufwändiger Ernährung einen Mehrbedarf anmelden.

Bereich 8: Verkehr
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Bei der Fahrt zum Büro oder bei privaten Fahrten entstehen Reisekosten: 25,45 Euro sind zur Abdeckung im Monat vorhergesehen. Der Verkehrsbetrag macht 6,3 Prozent des Regelsatzes aus.

Bereich 7: Andere Waren und Dienstleistungen
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Das Bundeskabinett rechnet im Monat mit 29,57 Euro pro alleinstehender Person für andere Waren und Dienstleistungen. Es überlässt damit Freiraum für individuelle Ausgaben, welche durch die anderen Bereiche nicht gedeckt werden.

Bereich 6: Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände
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Die Einrichtung einer Wohnung kostet Geld – monatlich kalkuliert die Regierung dafür 30,62 Euro für eine Person ein. Die Kosten für die Unterkunft selbst werden zusätzlich zu dem Regelsatz übernommen.

Bei den Vermögen allerdings ist Hüthers These vom Aufholen der unteren 90 Prozent gegenüber den reichsten zehn Prozent nicht ganz so nachvollziehbar wie behauptet: Zwar weist Hüther durchaus berechtigt darauf hin, dass die Rentenanwartschaften auch zum Vermögen dazugezählt gehören und nicht nur Immobilien und Unternehmensbeteiligungen: Dann jedenfalls landet Deutschland in den Industrieländervergleichen der Ungleichheit, gemessen nach dem Gini-Koeffizienten im Mittelfeld zwischen den Niederlanden und Österreich – und auf der Höhe von Norwegen. Allerdings: Laut Bundesbank halten die zehn Prozent der vermögendsten Deutschen 59,8 Prozent des gesamten Vermögens, und damit 0,6 Prozentpunkte mehr als 2010.

Das DIW und das IW argumentieren beide auf Grundlage derselben Datenbasis, jeweils allerdings mit anderen Zeitausschnitten und gegenteiliger Zuspitzung. Eine erster Plausibilitätscheck zeigt diesen Befund: Die Ungleichheit bei den Einkommen hat dank guter Arbeitsmarktlage und Lohnsteigerungen in letzten Jahren abgenommen – nachdem sie in den 1990er zugelegt hatte. Bei den Vermögen ist die Ungleichheit weiterhin hoch – und abgenommen hat sie keineswegs.

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