Studie zur Familienförderung
Rückenwind für die Betreuungsgeld-Gegner

Renommierte Forscher haben die schwarz-gelbe Familienpolitik unter die Lupe genommen. Das Urteil fällt wenig schmeichelhaft aus – und könnte in der Betreuungsgeld-Debatte wie eine Steilvorlage für die SPD wirken.
  • 23

BerlinEigentlich haben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), das Münchner Ifo-Institut und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) die Wirkung des Betreuungsgelds gar nicht untersucht. Und dennoch lässt ihre Untersuchung der Förderung von Familien in Deutschland nur einen Schluss zu: die von SPD und Grünen als „Herdprämie“ abgekanzelte familienpolitische Leistung ist tatsächlich ökonomisch bedenklich, weil sie Mütter dem Arbeitsmarkt entzieht.

Das legen jedenfalls die zentralen Ergebnisse aus der Gesamtevaluation familienbezogener Leistungen nahe, die die Forschungsinstitute heute in Berlin vorgestellt haben. Die umfassende Untersuchung war vor fünf Jahren vom Familien- und vom Finanzministerium in Auftrag gegeben worden. Die 156 Instrumente der deutschen Familienpolitik sollten nach diesen fünf politischen Zielen hin überprüft werden: die Sicherung der wirtschaftlichen Stabilität der Familien, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die frühe Förderung von Kindern, die Erfüllung von Kinderwünschen und den Nachteilsausgleich zwischen den Familien.

Das Betreuungsgeld war damals noch nicht in Gesetzesform gegossen, es war aber von Union und FDP auf Drängen der CSU in den Koalitionsvertrag geschrieben worden. Seit dem 1. August kann es beantragt werden. Im Koalitionspoker gilt es als großer Knackpunkt. Für die Christsozialen ist die Leistung nicht verhandelbar. Für die SPD ist das Geld für Eltern, die ihre Kleinkinder nicht in eine öffentlich geförderte Betreuung geben, dagegen zum Fenster rausgeschmissen: Es zementiert nach SPD-Einschätzung das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau bei der Berufstätigkeit. Deshalb hat die SPD versprochen, es abzuschaffen, und die Mittel in den Ausbau der Kinderbetreuung zu stecken.

In diese Richtung argumentieren auch die Wissenschaftler. Denn in der Beurteilung durch die Institute schneidet die öffentlich geförderte Kindertagesbetreuung besonders gut ab. „Das ist die einzige Maßnahme, die verbunden mit einer hohen Betreuungsqualität im Hinblick auf alle vorgegebenen Ziele eine substanzielle positive Wirkung entfaltet und keinem anderen Ziel entgegenwirkt“, sagte Katharina Spieß vom DIW. Diese Maßnahme unterstütze die Erfüllung von Erwerbswünschen und stabilisiere so das Einkommen der Familien. Zudem erleichtere sie die Realisierung von Kinderwünschen und verbessere bei guter Qualität die frühe Förderung von Kindern. „Damit können mit einer Leistung mindestens vier familienpolitische Ziele erreicht werden.“

Kommentare zu " Studie zur Familienförderung: Rückenwind für die Betreuungsgeld-Gegner"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Man stelle sich eine Erzieherin vor, die aus finanziellen Gründen ihr Kind mit einem Jahr in eine Kita geben muss, um dann in einer anderen Kita die Einjährigen anderer Mütter zu betreuen. Das ist doch absurd!

    Ich bin selbst eine junge Mutter (und Studentin, es wird im Zusammenhang mit dem Betreuungsgeld ja immer so gerne von "Bildungsferne" gesprochen). Meinen Sohn werde ich zu Hause betreuen, bis er drei Jahre alt ist. Das Betreuungsgeld ist für uns eine kleine, sehr willkommene Hilfe. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es keine einzige Mutter, die ihr Kind mit einem oder zwei Jahren in die Fremdbetreuung abgeben möchte, weil sie ihre Arbeit so sehr vermisst. Ein paar tun es, aber da steckt finanzielle Notwendigkeit dahinter.

    Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist eine zu frühe Fremdbetreuung für Kleinstkinder keine "Förderung" sondern eine extreme Belastung. Es ist wirklich traurig, dass es immer nur um Wirtschaftsinteressen geht und manche Parteien kein Interesse am Kindeswohl haben. Ganztagsbetreuung direkt nach der Geburt, spätestens nach dem Mutterschutz, das wäre doch was!

  • Ich gebe Ihnen völlig recht, der Lobbyismus lässt grüßen. An die Kinder, oder auch an die Frauen, denkt gar keiner. Schlimm ist nur, dass viele Menschen solche "unabhängigen" Studien nicht in Frage stellen.

  • "Mir hat es dieses Jahr bei einer Steuerprüfung fast die Sprache verschlagen, als mein Prüfer fragte wie ich mit den schwankenden Einnahmen überhaupt zurecht käme."
    ---
    Meine Antwort wäre: Da ich kein Beamter bin, der pünktlich zum ersten ohne jedes persönliche Risiko und Engagement sein Gehalt erwartet und auch bekommt, komme ich damit ganz gut zurecht. Wie man leicht sieht, schätze ich Beamte nicht sehr und wenn mir so einer quer kommt, kriegt er Gegenwind, daß er die Ohren anlegt. Ich bin eben KEIN Untertan!

    Aber mal was ganz anderes, was noch gar nicht zur Sprache kam. M.E. hat die massive Propagierung der Ganztagsbetreuung von der KiTa bis zur Schulenoch einen anderen, ziemlich hinterhältigen Aspekt. Man entzieht so die Kinder im einflußempflindlichsten(!) Alter den Eltern. Wer kennt das nicht: Der Lehrer/die Kindergartentante hat aber gesagt, daß... Und manchmal wird eben ein Unsinn verzapft, den man dann als Erziehender kaum wieder rausbringt. So prägt man Menschen mit politisch oder ökologisch korrekter Einstellung und ggf. eben auch Staatstreue und Untertanenmentalität (hatten wir schon mal). Kritisches, scharf hinterfragendes Denken unter der Anleitung von ebenfalls kritisch denkenden Eltern lernen die Kinder so jedenfalls nicht, dafür aber Konformität.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%