Studie zur Schwarzarbeit
Sind wir nicht alle ein bisschen Alice Schwarzer?

Was Alice Schwarzer, Uli Hoeneß & Co. im großen Stil getrieben haben, machen die meisten Deutschen im Kleinen: Steuern am Finanzamt vorbeischleusen – und zwar mittels Schwarzarbeit. Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige.
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DüsseldorfDie Empörung in Deutschland über Alice Schwarzer und ihre Steuerhinterziehung ist groß. Doch das, was Schwarzer, Hoeneß & Co. im großen Stil getan haben, ist den Deutschen im Alltag gar nicht so fremd. Wenn sie Menschen schwarz beschäftigen oder selbst schwarz arbeiten, bringen sie den Staat ebenfalls um Steuereinnahmen – wenn auch nur im Kleinen. „Schwarzarbeit ist die Steuerhinterziehung des kleinen Mannes“, bringt es Professor Dominik Enste, Experte für Verhaltensökonomie und Wirtschaftsethik am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), im Gespräch mit Handelsblatt Online auf den Punkt.

Und die Schattenwirtschaft könnte künftig wieder so richtig aufblühen. Grund sind die Pläne der Großen Koalition. Denn die Autoren einer am Dienstag veröffentlichten Studie zu Schattenwirtschaft der Universität Linz und des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) sind der Überzeugung, dass die Rente mit 63 und der geplante Mindestlohn dafür sorgen werden, dass wieder mehr Geld am Finanzamt vorbeigeschleust wird. Lediglich die stabile Konjunktur sorge in diesem Jahr noch dafür, dass viele Menschen einen regulären Arbeitsplatz finden und deshalb weniger schwarzgearbeitet werde, heißt es.

So soll die Schwarzarbeit laut Studie auch in 2014 wie bereits in den vergangenen zehn Jahren weiter sinken – voraussichtlich um zwei Milliarden Euro auf 338,5 Milliarden Euro, so die Berechnung der Experten. Die Schattenwirtschaft – also Schwarzarbeit, verkaufte Waren auf dem Schwarzmarkt, Nachbarschaftshilfe und Selbstversorgung – entspreche somit voraussichtlich 12,2 Prozent der offiziellen Wirtschaftsleistung. Doch eben nur so lange, bis die Pläne von Union und SPD umgesetzt werden. Experte Enste glaubt auch, dass beispielsweise der Mindestlohn den Anreiz bei den Bürgern erhöhe, „Arbeiten nicht zu erledigen, aufzuschieben oder eben schwarz erledigen zu lassen.“

Es gibt aber noch einen weiteren Grund dafür, warum der Rückgang der Schwarzarbeit stagnieren könnte – und hier kommen wieder Alice Schwarzer & Co. ins Spiel: „Die Steuersünden von Prominenten führen dazu, dass auch das Unrechtsbewusstsein des normalen Steuerzahlers abnimmt“, sagt Dominik Enste vom IW. „Die Eliten stehen zurecht unter Beobachtung.“ Denn das sei der Preis dafür, dass sie an der Spitze der Gesellschaft stehen und gut bezahlt würden. „Wenn sie sich moralisch aber nicht einwandfrei verhalten, prägt das die Steuermoral der ganzen Gesellschaft.“

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  • @willy
    Ein nachvollziehbares Argument und wo ist IHR Einsatz für mehr Demokratie z. B. Volksentscheide politisch durchzusetzen oder glauben Sie etwa ein Eierdieb (Politiker) wird ein Gesetz gegen das Stehlen von Eiern (Steuerverschwendung) erlassen?!

    Es ist immer so schön bequem und abgrundtief heuchlerisch einerseits etablierte Parteien zu wählen, das System an und für sich ganz prima zu finden, weil man nicht unerheblich in diesem System profitiert und dann, wenn es um die Nachteile geht, sprich ans bezahlen sich ganz ungeniert vom Acker zu machen und sein Vermögen im Ausland versteckt wo es gegen Recht und Gesetz undeklariert weiteres Vermögen erwirtschaften kann. In diesem einen Punkt, nämlich der Steuerverschwendung den Widerstandskämpfer zu mimen, ist wohl ganz großes Theater und an bürgermiefiger Verlogenheit nicht zu toppen! Von den verurteilten Steuerstraftätern oder den vielen -zig tausenden Selbstanzeigern ist absolut niemand vorher aufgefallen mehr Bürgerwillen und mehr Transparenz schaffen zu wollen, die Mehrheit von denen hat sogar mit der eigenen Wahlstimme, manche sogar als Politiker, stets das Gegenteil vertreten.
    Also bitte, die Gesellschaft erwartet von den Vermögenden mehr Einsatz für die Durchsetzung vom Bürgerwillen oder sie sollen das Land verlassen, ein Beckenbauer, Schumacher etc. haben es schon gemacht, oder besser ganz still sein!

  • Kleine Delikte und große Delikte sind letztendlich Delikte! Da beißt die Maus keinen Faden ab. Das Problem hierbei ist, dass Sie z.b. die Situation aus Ihrer Perspektive sehen, nicht aber aus der von Frau Schwarzer, Herrn Hoeneß oder anderen gleichgesinnten. Die haben nämlich einen ganz anderen Blickwinkel. Sie vergleichen den "einfachen Arbeiter" mit Leuten, die "immer noch nicht genug haben". Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. WER WILL WEM AUF DER WELT VORSCHREIBEN WAS "GENUG" IST? Ein Wüstennomade oder ein Bauer aus Bangladesch zum Beispiel hat ein ganz anderes Empfinden für "Genug" als Sie.

    Gesetze und Regeln sind dazu da, um Ordnung in der Gesellschaft zu garantieren. Wer sich daran nicht hält, der gehört bestraft. Und dabei spielt es KEINE Rolle an welcher Stelle sich das Komma befindet.

  • Ich bin für das Recht auf Steuerhinterziehung, solange die Politik für Steuervergeudung nicht haftbar gemacht wird, bis zum Knast!

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