Stuttgart 21
Rebellion aus reichem Hause

Wenn es nach Innenminister de Maizière geht, ist Stuttgart 21 eine Art Klassenkampf, nur von oben nach unten. Helmut Schümann folgert daraus: Die demonstrierenden Schüler brauchen gar keinen Bahnhof. Weil sie von ihren Eltern in der S-Klasse rumkutschiert werden.
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STUTTGART. Es ist bei unklaren Themen und schwierigen Fragen immer gut, wenn sich kundige Menschen einschalten. So ein kundiger Mensch ist Thomas de Maizière, der Bundesinnenminister. Und der hat nun ein wenig Aufklärung in die anhaltende Verwunderung darüber gebracht, dass Schwaben protestieren. Der Mann ist Bonner, das liegt am Rhein. Er kennt sich also bestens in Stuttgart aus, das liegt nämlich auch an einem Fluss, am Neckar.

Zunächst sagte de Maizière, dass er sich über "die Senkung der Gewaltschwelle bei den Demonstranten" sorge. Dabei bezog er sich auf die vor ein paar Wochen in Stuttgart am Bahnhof geschlagene Schlacht, bei der die Demonstranten den stumm und reglos umherstehenden Polizisten Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstöcke entwendeten, um sich danach selbst zu bewerfen, zu besprühen und zu beprügeln. Die Demonstranten gingen dabei so heftig und rigoros gegen sich selbst vor, dass einem älteren Herrn nun ein Augenlicht fehlt. Er hatte sich vehement mit hartem Wasserstrahl beworfen. Die sinkende Gewaltschwelle bei den Demonstranten kann einem tatsächlich Sorgen machen.

De Maizière hat noch mehr gesagt. Nämlich, dass in Stuttgart "tausende Schüler von ihren begüterten Eltern Krankschreibungen bekommen, um zu demonstrieren". Was mit den nicht begüterten Krankschreibungen ist, hat er nicht gesagt, wahrscheinlich weil es nicht begüterte Eltern in Stuttgart gar nicht gibt. Es handelt sich also bei den Demonstranten von Stuttgart um Söhne und Töchter aus reichem Hause, wahrscheinlich verwöhnt, gelangweilt und ahnungslos von den Nöten und Sorgen der Proletarierklasse, zu der de Maizière und Kollegen gehören. Somit ist Stuttgart 21 eine Art Klassenkampf, nur diesmal von oben nach unten. Sonst ist es ja immer umgekehrt. Sonst kämpfen arbeitsscheue, früher auch langhaarige Sozialschmarotzer gegen das mehrheitliche bürgerliche Interesse. Jetzt, nach de Maizières erhellenden Worten, ist auch verständlich, warum der Protest gegen den Bahnhofsbau so nachhaltig und so erbittert ist. Die Söhne und Töchter brauchen gar keinen Bahnhof. Weil sie von ihren begüterten Eltern, solange sie noch keinen Führerschein haben, in der S-Klasse rumkutschiert werden.

In einer anderen derzeit heftig diskutierten Angelegenheit, über dringend benötigte Zuwanderung von Fachkräften, hat de Maizière gesagt, dass "jeder so daherplaudert". De Maizière hat absolut recht. Beim Plaudern weiß er, wovon er redet.

Kommentare zu " Stuttgart 21: Rebellion aus reichem Hause"

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  • Herzlichen Glückwunsch für diesen Artikel, die Aussagen de Maizières hätten nicht treffender kommentiert werden können. "Jeder plaudert so daher, ohne sich mit der Sach- und Rechtslage zu beschäftigen", der innenminister sollte sich erst einmal selbst sach- und rechtskundig machen. Wenn er sich schon ins Glashaus setzt, sollte er allenfalls mit Stuttgarter Pflastersteinen werfen!

    Grüße aus Stuttgart!

  • Schön, dass das Handelsblatt angemessene Worte zu diesen Äußerungen findet - und auch auszusprechen wagt. ist ja keine Selbstverständlichkeit bei einer Leserschaft, die mehrheitlich wohl eher zu konservativen Positionen tendieren dürfte. Schade, dass de M. nicht die bei ihm ansonsten gewohnte besonnenheit gezeigt hat. Aber nachdem seine Chefin die verhängnisvolle Parole ausgegeben hat, muss nun wohl das ganze Kabinett wider besseres Wissen Nibelungentreue zeigen. Herrje, es wird Zeit, dass Andere dieses Land wieder zukunftsfähig machen.

  • Nach Jahren der Düsterheit endlich ein erhellender Artikel.
    Aber,[3] W Fischer, weshalb soll die Misere weg? ist es nicht so, daß er sich mit Staatssicherheit bestens auskennt und ihm iM Erika in alter Honeckertreue zur Seite steht?
    Wie Radio Eriwan berichtet, soll Stuttgart noch einen bahnhof bekommen. Einer soll die Strecke Australien/Neuseeland bedienen, der andere soll nach London nun auch Kanada für deutsche Emigranten erschließen; natürlich mit dem iCE, was denn sonst!?

    Sicher ist dieser Staat erst, wenn alle bürger verschwunden sind.
    Nun könnte man ja glauben, daß die Türken bleiben. Nee, in letzter Zeit haben über 9000 Türken das gepriesene Land fluchtartig verlassen.
    Was bleibt übrig? Natürlich iM Erika und 180 000 Stasi-Genossen samt Atomkraft. Die Folgegenerationen werden alle vom Stamme Quasimodo sein und über beide Ohren strahlen.

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