Stuttgart 21
Wer hält länger durch?

Der Protest gegen Stuttgart 21 spaltet Familien, Freunde und Paare. Die Politik findet kein Mittel, um zu schlichten. Worum es bei dem Streit eigentlich geht, ist nicht mehr so wichtig.
  • 0

Miteinander reden geht nicht mehr. Es ist Freitagabend, durch die Stuttgarter Innenstadt ziehen Zehntausende Demonstranten, und ein Ladenbesitzer sucht mit seinem Auto einen Weg durchs Getümmel. Da springt eine Frau auf die Fahrbahn und zwingt ihn zum Anhalten. Vom Gehweg her schreit ein junger Mann: "Mach dein Fenster runter, ich will mit dir über den Bahnhof diskutieren!" Der Fahrer öffnet das Fenster, brüllt zurück: "Hol dein Mädchen von der Straße, sonst hau ich dir so eins in die Fresse, dass du mit deinen Zähnen im Arsch Klavier spielen kannst." Das Ganze auf gut Schwäbisch, versteht sich. Die Frau zu ihrem Freund: "Lass den, der ist wahnsinnig."

Dass in Stuttgart inzwischen die Nerven blank liegen, wäre eine glatte Untertreibung. Die Protestroutine zieht das tägliche Leben in Mitleidenschaft, Krankenschwestern beklagen sich, dass sie morgens nicht mehr pünktlich zur Schicht kommen, weil Hitzköpfe wieder die Gleise blockiert haben; müde Angestellte sitzen abends stundenlang in Vorortzügen fest. Danach geht es auch mit dem Auto nicht weiter. Die Parkwächter, eine der Widerstandsgruppen gegen das Bahnhofsprojekt, laden die Landfrauen zu Kaffee und Kuchen ein, bevor die nächste Demo losgeht. Der Protest gegen Stuttgart 21 ist dem einen Event, dem anderen eine Pest geworden.

Der Schlossgarten neben dem Bahnhof, wo Bagger vergangene Woche die ersten Bäume niedermachten, ist nach dem Einsatz der Wasserwerfer ein Acker aus Schlamm. Die Baustelle wird von einem Stahlzaun geschützt, oben zur Außenseite abgeknickt, sodass keiner drüberklettern kann. Im Bahnhof wird der Zugang zu den Gleisen kontrolliert; hinein darf nur, wer eine Fahrkarte hat. Der Landtag ist von der Polizei abgeriegelt worden. Wichtiger noch als das Sichtbare aber ist die veränderte Stimmung in der Stadt: die Wut der Bürger auf die Bürger.

Es hat sich etwas verschoben in Stuttgart, und nicht erst seit dem vergangenen Donnerstag, als die Polizei mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen demonstrierende Schüler und Rentner vorging. Auch bei den Befürwortern des Bahnhofsneubaus ist der Zorn gewachsen. Blockierte Straßen, Verspätungen auf dem Weg zur Arbeit, lange Umwege: Für viele Bürger sind die Proteste ein Angriff auf das Strukturierte, das Ordentliche. So etwas tut man nicht: Man lässt als Lehrer seine Schüler nicht während der Schulzeit demonstrieren; man verlässt als Demonstrant nicht den genehmigten Protestweg, um direkt an der Baustelle zu landen; man wirft nichts auf Polizisten, auch wenn es nur Kastanien sind. "Ganz viele Leute ballen die Faust in der Tasche zusammen", sagt ein honoriger Stuttgarter, "da bereitet sich Bürgerkriegsstimmung vor."

Seite 1:

Wer hält länger durch?

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Seite 6:

Kommentare zu " Stuttgart 21: Wer hält länger durch?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%