Sucht-Statistik
Weniger Drogentote, aber nicht weniger Drogen

986 Menschen fielen 2011 ihrer Sucht zum Opfer. Damit ist die Zahl der Drogentoten zwar weiter gesunken, doch die Statistik zeigt nur die halbe Wahrheit. Der Konsum harter Drogen ist nicht auf dem Rückzug.
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BerlinDie Party ist in vollem Gang, die Musik dröhnt, die jungen Leute sind gut drauf. Im doppelten Wortsinn. Neben Alkohol sorgen auch immer wieder Designerdrogen wie „Crystal“ oder Ecstasy für Hochstimmung bei ausgelassenen Feiern. Doch kaum einer der Partygäste denkt an die Gefahren des Konsums jener Mixturen aus illegalen Rauschgiftlaboren oder aus dem schlichten Mischmasch von Kräutern, Badesalzen oder Lufterfrischern.

Diese Mischungen heißen „Legal Highs“ - und sie sind nur deshalb legal, weil ihre Inhaltsstoffe frei im Handel sind. Für den Präsidenten des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, sind sie gleichwohl nicht harmlos. Sie enthalten „Betäubungsmittel oder ähnliche wirkende chemische Inhaltsstoffe mit psychoaktiven Substanzen, die zum Teil dramatische und unkalkulierbare Gesundheitsgefahren bergen“, warnt der BKA-Chef. Im vergangenen Jahr gingen hierzulande drei Tote auf das Konto dieser Mode-Drogen.

Drogentod ist oft das stille und traurige Ende eines langen Leidens. Viele Heroinkranke leben lange mit dem Rauschgift, und sind, wenn sie sterben, im Schnitt 37 Jahre alt, sehen aber viel älter aus. Genau 986 Menschen fielen ihrer Sucht im vergangenen Jahr zum Opfer, meist an einer Überdosis. Das sind zwar immerhin 20 Prozent weniger als 2010. Doch der Konsum von harten Drogen ist deswegen nicht auf dem Rückzug. Für viele gehören sie einfach wie selbstverständlich zum Leben dazu.

„Sucht ist eine Krankheit, die jeden treffen kann. Sie ist kein persönliches Versagen“, sondern „oft das Ergebnis besonderer Lebensumstände und Erfahrungen“, sagt die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP). Für die Betroffenen bedeute das „häufig die Zerstörung einer freien und eigenverantwortlichen Lebensführung“. Abhängigkeit sei „oft mit einer menschlichen Tragödie verbunden.“ Dyckmans selbst hat für den 20-prozentigen Rückgang bei der Zahl der Drogentoten im vergangenen Jahr noch keine Erklärung. Das habe auch sie überrascht, bekennt sie. Und sie will nicht ausschließen, dass es auch mal wieder nach oben gehen könnte.

Dennoch: Mit ihrer Drogenpolitik sieht sich die Beauftragte auf richtigem Weg. Hilfsangebote, Methadon und Druckräume ermöglichten immer mehr Betroffenen das Überleben. Neben der Schadensminderung und der Prävention setzt Dyckmans aber auch auf „repressive Maßnahmen“, spricht von „effektiver Strafverfolgung der Hersteller und Händler“.

Der drogen- und suchtpolitische Sprecher der Grünen, Harald Terpe, fährt Dyckmans in die Parade: „Nichts ist gut“, sagt er. Die aktuellen Zahlen zeigten, dass der „Kurs der Repression gescheitert ist“. „Noch immer sterben viel zu viele Menschen an den Folgen einer verfehlten Drogenpolitik“. Zwei Drittel der Mittel im Zusammenhang mit Drogen würden für „Repression ausgegeben“, rügt er.

Beim Blick in die Todesfall-Statistik fallen Mannheim und Nürnberg als Städte mit der relativ höchsten Drogentoten-Quote auf: Pro 100.000 Einwohner sind es dort 4,2 und 4,0 Drogentote. Es folgen Frankfurt (3,8) und Köln (3,4). Im bundesdeutschen Durchschnitt liegt die Quote bei 1,2. Für Berlin wird sie mit 3,3 ausgewiesen. Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben mit 0,3 den niedrigsten Wert.

Zierke prangert den Rauschgifthandel als „Kerngeschäft der organisierten Kriminalität“ an: Die Schmuggelware aus dem Ausland, aus Südamerika, aus Afghanistan oder Tschechischen Republik will trotz allen Fahndungsdrucks nicht versiegen. Tonnenweise kommt der Stoff über die Grenzen. Immerhin können die Fahnder auch Erfolge vermelden. So flog im Mai 2011 ein Drogenhändlerring in Albanien auf. Fast eine Tonne Kokain aus Kolumbien - erzählt der BKA-Chef mit unüberhörbarer Genugtuung - wurde dabei beschlagnahmt. Versteckt war das Rauschgift in 13 Tonnen Palmöl.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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