Superwahljahr
Wahlkampf auf Ostdeutsch

In Sachsen und Thüringen kämpfen die Regierungschefs um ihr Amt. Eigentlich nichts ungewöhnliches, wenn es nicht zwei Themen gäbe, die den gesamten Wahlkampf in ein zweifelhaftes Licht rücken. Über die Stimmung im Osten – und den Umgang zweier Politiker mit den Schatten der Vergangenheit.

LEIPZIG. Nein, die Frage nach der DDR-Vergangenheit spiele keine Rolle. „Diese Diskussion findet im Wahlkampf nicht statt“, sagt Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Das ist in Sachsen. Nein, „bei meinen Wahlkampfreden spielt der Skiunfall keine Rolle.“ Das sagt sein Amtskollege Dieter Althaus, ebenfalls CDU, im benachbarten Thüringen.

Zwei Bundesländer, zwei CDU-Ministerpräsidenten und zwei Themen, die die Grenzen üblicher Wahlauseinandersetzungen sprengen. Natürlich geht es um Arbeitsplätze und die Krise, um Schulen und Kindergärten, wenn am 30. August in Sachsen wie Thüringen gewählt wird. Trotzdem könnte die Situation für die beiden fast gleichaltrigen Amtsinhaber unterschiedlicher kaum sein. Althaus, der am Neujahrstag bei einem Skiunfall eine Frau zu Tode gefahren und sich dann in die Politik zurückgetastet hat, steht unter permanenter Beobachtung. Tillich dagegen, dessen Fragebogenaffäre wohl nur für DDR-Historiker nachvollziehbar ist, schleicht sich in einem ereignislosen Wahlkampf erneut an die Macht.

Althaus regiert mit absoluter Mehrheit. Er wird sie verlieren. Ob es mit der FDP reicht, ist unklar. Tillich regiert mit der SPD. Obwohl seiner CDU leichte Verluste drohen, könnte er wegen des Erstarkens der FDP eine Bündnisoption dazu gewinnen. Während in Thüringen der alerte Linkspartei-Mann Bodo Ramelow Ministerpräsident werden will und SPD-Kandidat Christoph Matschie theoretisch Kopf einer rot-rot-grünen Koalition sein könnte, ist in Sachsen von einem Duell nichts zu merken.

Tillich hat keinen Herausforderer. Dass er weiter regiert, ist relativ klar. Althaus dagegen ringt um die „Gestaltungsmehrheit“, wie er sagt. Das heißt: keine Regierung ohne die CDU. Das heißt: rot-rot verhindern.

Ob das gelingt, ist offen. „Schön, dass Sie weitermachen", sagt der Chef der Löwen-Apotheke und schüttelt ihm die Hand. Der Regierungschef spaziert durch die bonbonbunt restaurierte Innenstadt von Greiz im Südosten Thüringens. Ein herausgeputztes Schloss erinnert an die Grafen von Reuß, die schmucken Häuser an 800 Jahre Bürgerstolz. Heute kämpft der Ort um Arbeitsplätze und Leben in der Innenstadt. Eine Schulklasse kreuzt Althaus’ Weg. 15, vielleicht 20 Kinder betteln um Autogramme. Althaus zückt einen Stapel Karten, legt ihn auf einen Treppenaufgang und signiert. Mechanisch, ohne Lächeln, den Steppkes den Rücken zugewandt. 20 Mal. Und weiter.

Wahlkampf ist Leistungssport. Besonders gilt das für Dieter Althaus. Er muss zeigen, dass er der Alte ist. „Ich arbeite seit dem 20. April, 16 bis 18 Stunden am Tag. Das war vor dem Unfall so, das auch jetzt so“, sagt er über die Zeit seit der Rückkehr.

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