Sylt wählt einen Bürgermeister
Der Kampf um die Schönen und Reichen

Sylt wählt einen neuen Bürgermeister. Der Rummel um die Kandidaten war groß – auch weil eine schillernde Person dabei ist: Ex-CSU-Landrätin Pauli. Groß sind auch die Probleme auf der Insel. Wer kann sie lösen?
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WesterlandManch' ein Sylter mag aufatmen: Ein monatelanger Ausnahmezustand geht am Sonntag zu Ende. Seit dem Sommer beschäftigt die Bürgermeisterwahl in der 13000-Einwohner-Gemeinde auf der Nordseeinsel nicht nur die Wahlberechtigten, sondern auch Medien in ganz Deutschland. Das ist nicht nur dem Mythos Sylt geschuldet, dem Image von der Insel der Schönen und Reichen mit der größten Promi- und Ferrari-Dichte Deutschlands, sondern auch einer Frau, deren Glamourfaktor schon etwas zurückliegt, die für viele aber wohl perfekt zu diesem Mythos passt. Gabriele Pauli, ehemalige Fürther Landrätin und einstige „CSU-Rebellin“, will nun Bürgermeisterin auf Sylt werden.

Bei der Wahl im Dezember erhielt sie als Unabhängige von allen sechs Kandidaten die meisten Stimmen, verfehlte aber die notwendige absolute Mehrheit deutlich. Nun geht es am Sonntag in die Stichwahl gegen den gebürtigen Sylter und derzeitigen Bauamtsleiter in Kronshagen bei Kiel, Nikolas Häckel. Er ist von der Sylter Wählergemeinschaft aufgestellt worden und wird nun auch von der SPD und dem SSW – der Partei der dänischen Minderheit - unterstützt.

Die 57-jährige Pauli präsentierte sich im Wahlkampf betont sachorientiert. Sie verwies auf 18 Jahre Erfahrung als Landrätin und präsentierte ihr Wahlprogramm auf einer Pressekonferenz. „Wir sind die Mitmach-Insel! Mit Mut und Kraft für ein starkes Sylt!“ – so warb sie auf ihrer Internetpräsenz kurz vor der Wahl.

Paulis 40-jähriger Konkurrent unterstrich dagegen seine Sylter Herkunft mit bis ins 18. Jahrhundert zurückreichendem Stammbaum und seine Verwaltungserfahrung. Er präsentierte sich als „ein Sylter für Sylt“.

Für die Kandidaten ist der Bürgermeisterposten offenbar ein Traumjob. Dass es sich eher um einen Knochenjob handelt, geht aus Äußerungen von Amtsinhaberin Petra Reiber hervor, die nach fast 25 Jahren nicht mehr antritt - von „Verschleiß“ sprach sie im Sommer. Denn die Insel hat genug Probleme. So gibt es seit 2014 keine Geburtshilfestation mehr - etwa 80 bis 100 Krankenhausgeburten pro Jahr waren zu wenig. Frauen, die keine Hausgeburt wollen, müssen nun auf dem Festland gebären. Der Zorn darüber hat sich auf der Insel noch nicht gelegt.

Mit einer Stiftung will Pauli die Station wiedererstehen lassen - und noch mehr: „Sylt soll bundesweit attraktiv werden für Geburten, für sanftes und natürliches Gebären“, sagte sie dem Magazin „Stern“. „Frauen aus allen Landesteilen könnten zum Kinderkriegen auf die Insel reisen.“ Ein Begrüßungsgeld von 5000 Euro pro Baby brachte Pauli zudem ins Gespräch - Häckel lehnt ein „Babykopfgeld“ als nicht nachhaltig ab. Die geringe Geburtenzahl trägt auch zu anderen Entwicklungen bei: 2014 wurde eine Schule geschlossen, ein Kindergarten folgt dieses Jahr.

Die Promi-Insel kennt auch Armut: Immerhin 150 Menschen gehören zu den sogenannten erwerbsfähigen Leistungsbeziehern, die Sylter Tafel verzeichnet eine steigende Kundenzahl. Ein Dauerbrenner auf der Insel ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Viele Wohnungen werden in teure Ferienunterkünfte umgewandelt, im Winter wirken ganze Straßenzüge ausgestorben, Einheimische ziehen aufs Festland, in der Saison werden Servicekräfte händeringend gesucht. Ob der im Herbst begonnene, vom Land geförderte Bau von „sozial gebundenen“ Wohnungen spürbare Erleichterung verschafft, muss sich erst noch zeigen.

Auch der Küstenschutz war Thema im Wahlkampf. Herbst- und Winterstürme nagen an der Insel, sie ist auf jährliche Sandaufspülungen angewiesen. Auch am Wahlwochenende wird sie nach den Wettervorhersagen schwer umtost sein. Wenn dann aber der nächste Sturm kommt, hat die Gemeinde schon ein neues Oberhaupt.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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