Sympathisanten von Nahles in der Kritik
Die Revolte frisst ihre Kinder

Als Franz Müntefering seinen Verzicht auf das Amt des Parteichefs verkündete, sah alles nach einem Generationswechsel in der SPD aus. Doch die Ereignisse haben sich seitdem überschlagen. Wer gestern noch Gewinner war, ist heute Verlierer.

BERLIN. Eigentlich, hatte der scheidende SPD-Chef Franz Müntefering am Montagabend erklärt, sei die Verjüngung der SPD sein Ziel für die nächsten vier oder fünf Jahre gewesen. „Das geht nun ein bisschen schneller“, räumte er euphemistisch ein: „Das muss nicht schlecht sein.“ Doch die Wucht, mit der seit der Revolte des Parteivorstands gegen Münteferings Generalsekretär-Kandidaten Kajo Wasserhövel die gesamte Führungsriege der Sozialdemokratie unter Druck gerät, dürfte selbst den 65-jährigen Sauerländer überraschen.

Noch in der Nacht zum Dienstag forderte Fraktionsvize Joachim Poß den Rücktritt des gesamten 45-köpfigen Vorstandes: „Eine völlige Neuaufstellung ist sofort überfällig.“ Seine Amtskollegen Michael Müller und Hans-Joachim Hacker stimmten ihm später zu. Am Nachmittag dann deutete die frisch designierte Generalsekretärin in spe, Andrea Nahles, ihren möglichen Verzicht auf das Amt an: „Ich halte alles für möglich, was nun der SPD nutzt.“ Wenig später erklärte völlig überraschend die umstrittene Altlinke Heidemarie Wieczorek-Zeul, dass sie auf dem Parteitag Mitte November nach zwölf Jahren nicht mehr als stellvertretende Parteivorsitzende kandidiert. Der Rückzug von Müntefering habe „eine neue Situation“ geschaffen, sagte sie dem Handelsblatt: „Ich will dem Generationswechsel nicht im Wege stehen.“

Vertreter aller Parteiflügel sind sich einig, dass das Machtvakuum an der Spitze der SPD möglichst bald gefüllt werden soll. Der Vorschlag von Fraktionsvize Gernot Erler, auf dem Parteitag nur über den Koalitionsvertrag abzustimmen und die Neuwahl des Präsidiums zu vertagen, wurde allerorten als „weltfremd“ abgetan. Bereits gestern Abend trafen sich die beiden Kandidaten für die Müntefering-Nachfolge, die Ministerpräsidenten Kurt Beck aus Rheinland-Pfalz und Matthias Platzeck aus Brandenburg, um dann heute den SPD-Gremien den künftigen Parteichef vorzuschlagen. An dem Treffen in der brandenburgischen Landesvertretung nahmen unter anderen Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit, der Thüringer SPD-Landesvorsitzende Christoph Matschie und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse teil. Beck oder Platzeck hieß die Alternative also. Obwohl der Pfälzer mit 56 Jahren kaum älter ist als der 51-jährige Ostdeutsche, galt Beck eher als Vertreter des politischen Establishments, während Platzeck in der SPD seit langem als „Nachwuchshoffnung“ gehandelt. Aber das allein war wohl nicht dafür entscheidend, dass man sich schnell auf den Jüngeren einigte. „Wenn man ernst nimmt, was Franz Müntefering gesagt hat, kann man als seinen Nachfolger schlecht Kurt Beck präsentieren“, hieß es in der nordrhein-westfälischen Parteispitze. Die anderen Landesverbände sahen es ähnlich.

Für Beck hätte hingegen gesprochen, dass er die Partei bestens kennt und sich wegen seiner ausgleichenden Art als Integrationsfigur eignet. Er wäre erkennbar ein Mann des Übergangs und käme daher unter Umständen jenen Linken gelegen, die 2009 auf den Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit als Spitzenkandidaten setzen. Allerdings hatte Beck auch ein Handicap: Er muss im März 2006 eine Landtagswahl bestehen. Das könnte ihm schwer fallen, wenn er für schmerzliche Einschnitte einer schwarz-roten Koalition verantwortlich gemacht wird. „Wir haben ein hohes Interesse, das Land nicht zu verlieren“, sagte ein Mitglied des Parteivorstandes: „Das hat im Zweifelsfall Vorrang vor persönlichen Ambitionen.“

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