Szenen eines Stilwechsels
Der Bundes-Schröder

Als Gerhard Schröder am vergangenen Mittwochabend ins Hotel Adlon am Pariser Platz fuhr, war er gut gelaunt. Nach den stürmischen Wochen zuvor hatte er einen relativ ruhigen Tag hinter sich. Er war zunächst in Brandenburg und hatte dann im Kabinett nochmals klar gemacht, dass das mediale Klein-Klein um die Haushaltspolitik aufhören müsse. Jetzt freute sich der Kanzler auf eine vertrauliche Debatte mit rund zwanzig führenden Managern, darunter Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp und der Boss des Rüstungskonzerns EADS, Rainer Hertrich. Das Thema: die Chancen der deutschen Wirtschaft in Osteuropa.

BERLIN. Und so versprach der Abend eine angenehme Abwechslung zu den so vielen eher quälenden Treffen der vorangegangenen Tage. Da hatte Schröder nämlich immer wieder mit Kabinettskollegen über den Haushalt 2005 und die anstehenden Arbeitsmarktreformen gesprochen. Und nicht nur, dass die Finanzlage alles andere als erfreulich war – der bruchstückhafte Tratsch, der von den Gesprächen nach draußen drang, vermittelte in der Republik auch noch den Eindruck einer rotgrünen Ratlosigkeit nahe am Chaos. Offen wie selten zuvor verdächtigten sich Minister der gezielten gegenseitigen Demontage.

Prompt brachte der tagelang währende Kommunikationswirrwarr auch Schröder Minuspunkte ein. Wo ist denn der frühere Basta-Kanzler? Will er nicht mehr? Oder kann er nicht mehr? So lauteten die Fragen. Die Medien witterten Beute. Vom „amtsmüden“, „verbrauchten“ Kanzler, von einer „Kanzlerdämmerung“ war gar die Rede. Den bisherigen Höhepunkt der Krisenhysterie lieferte die Illustrierte „Stern“ mit dem Gerücht, der Kanzler bereite seinen Wechsel nach New York vor, als künftiger Lobbyist der Citibank.

Tatsächlich aber passt das Ausstiegsszenario nicht zu den Einschätzungen derer, die Schröder letzte Woche trafen. Kaum jemand, der nicht des Kanzlers gute Laune und Entspanntheit betont – sei es Kabinettsmitglied, enger Mitarbeiter oder der Opposition nahe stehender Wirtschaftsboss. Beim deutsch-französischen Ministerrat in Paris etwa scherzte er ausgelassen mit Frankreichs Präsident Jacques Chirac über die Französisch-Ambitionen seiner Tochter. „Der Mann wirkt alles andere als amtsmüde – vielmehr konzentriert und entschlossen“, berichtet auch einer der Manager vom Mittwochabend.

Eher wirkt der Kanzler in diesen Tagen wie einer, der keineswegs sein Amt, wohl aber seinen Stil wechselt. Zum wiederholten Male in seiner mittlerweile sechsjährigen Kanzlerschaft erfindet sich Schröder neu: Lange vorbei ist die Rolle des Brioni- und des Basta-Kanzlers; vorbei auch das Jahr 2003, als Schröder parteiinternen Widerstand gegen die „Agenda 2010“ mit Rücktrittsdrohungen brechen musste. Und vorüber auch die innere Gespaltenheit, weil er mal als „Genosse der Bosse“, mal als Anbiederer bei den Gewerkschaften die unterschiedlichen sozialdemokratischen Milieus bedienen musste.

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