Tagebuch eines syrischen Journalisten
„Ihr habt so schöne Häuser“

Mein Name ist Yahya Alaous. Ich bin Syrer, bald 42 Jahre alt, habe eine Frau und zwei kleine Mädchen. Heute lesen Sie in meiner Kolumne: Warum wir fliehen konnten, und wie ich meine ersten Tage in Berlin erlebt habe.

Yahya Alaous ist syrischer Journalist und derzeit Mitarbeiter in der Berliner Handelsblatt-Redaktion. Wieso er sich eine neue Wohnung nur unter der Hand besorgen konnte und warum viele Syrer Kanzlerin Angela Merkel als Volksheldin verehren, lesen Sie ab sofort in einer Kolumne. Heute: Teil 1.

Das Erste, was mir an eurem Land aufgefallen ist, waren die vielen schönen Häuser mit den kleinen Vorgärten und den geraden Dächern. Gerade, akkurate Dächer. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Das war vor vier Monaten. Ich kam damals mit meiner Familie aus dem Libanon mit dem Flugzeug nach Berlin. Eine gute Freundin empfing uns in Tegel. Wir hatten uns in Syrien kennen gelernt, meiner Heimat. Ich war dort Journalist – sie Auslandsreporterin.

Aber von vorne: Mein Name ist Yahya Alaous. Ich bin Syrer, werde in zwei Tagen 42 Jahre alt, habe eine Frau und zwei kleine Mädchen. Gemeinsam lebten wir bis vor ein paar Monaten in Syrien. Ich habe dort als politischer Korrespondent bei einer großen Tageszeitung gearbeitet. Ich war immer schon kritisch mit dem Regime von Baschar al-Assad, schrieb meine Meinung zu Menschenrechten, Korruption, Demokratie.

2002 kam ich dafür zwei Jahre ins Gefängnis. Mein Pass wurde eingezogen, außerdem wurde mir verboten, je wieder bei einer Zeitung zu arbeiten. Nachdem ich aus dem Gefängnis kam, schrieb ich also für eine Untergrund-Website, vor allem über Frauenrechte. Dieses Thema gilt beim Regime nicht als politisch bedeutsam. Es war also weniger gefährlich für mich.

Acht Jahre ging das gut. Dann zwang uns Assads Regierung, die Website zu schließen. Das war für mich der Grund, politische Bewegungen aktiv zu unterstützen. Ich ging auf Demonstrationen, erlebte den arabischen Frühling hautnah mit, ging zu Versammlungen und Treffen. Es wurde gefährlich, also schrieb ich meine Berichte für den „Syrian Observer“ – ein oppositionelles Magazin – unter Pseudonym. Manchmal bekam ich Geld dafür, meistens nicht. Es war hart, meine Familie zu ernähren.

Irgendwann ging es nicht mehr. Die Lage wurde für uns zu unsicher. Überall im Land ist Chaos, es wird geschossen, Raketen fliegen durch die Luft. Dazu kommen die Leute der Stasi: Nachbarn, die Oppositionelle an das Regime verraten. Einmal gab es einen Anschlag. Eine Autobombe, die vor einem Gebäude explodierte. Ich war nur einige Minuten zuvor an ebendiesem Auto vorbeigegangen. 65 Menschen starben bei dem Anschlag, es war grauenvoll.

Einmal traf ein Bombensplitter den Wagen meiner Familie, auch unser Haus wurde beschädigt. Der Krieg kam immer näher, obwohl wir in einem sogenannten stabilen Viertel wohnten. Immer öfter sagte meine deutsche Freundin zu mir: „Komm raus aus Syrien, es ist zu gefährlich für dich dort.“

Vor vier Monaten, nach zwölf Jahren ohne Dokumente, bekam ich plötzlich meinen Pass zurück. Ich ging mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern, so schnell es ging, in den Libanon. Von dort aus kamen wir mit der Hilfe von „Reporter ohne Grenzen“ nach Berlin. Hier fühle ich mich endlich sicher.

Wir sind privilegiert. Meine acht Brüder und Schwestern sind noch in Syrien, arbeiten als Anwälte und Lehrer. Ich denke die ganze Zeit an sie. Eines Tages, wenn Assad weg ist, werde ich zu ihnen zurückkehren.

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