Taktischer Schwenk
Schröders Optionen im Nervenkrieg

Auf der Suche nach einer tragfähigen Regierungskoalition nach der Bundestagswahl hat Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Taktik geändert: Während sich die SPD am Wahlabend noch auf ihn als künftigen Kanzler festgelegt hatte, betonte Schröder gestern in der ARD, bei Gesprächen über eine große Koalition müsse erst über Inhalte und dann über Personen geredet werden. Eine Kanzlerschaft Schröders ist damit aber keineswegs vom Tisch. Um beurteilen zu können, wie sich Schröder in den kommenden Tagen verhalten wird, lohnt ein Blick auf seine Optionen:

Schröders neue Taktik folgt zwei Erkenntnissen: Sein Machtanspruch war zunächst aus seiner Sicht schon deshalb nötig, da die SPD Anfang letzter Woche auch auf eine Ampelkoalition mit FDP und Grünen hoffte. Weil nun jedoch alle Beteiligten nur noch eine große Koalition für möglich halten, prallen mit Schröder und Angela Merkel zwei Personen mit demselben Machtwillen aufeinander.

Der Kanzler und SPD-Chef Franz Müntefering sind weiter überzeugt: Wollen die Sozialdemokraten ihren Führungsanspruch wahren, obwohl sie mit knappem Rückstand zweitstärkste Fraktion sind, geht dies nur mit Schröder. Da Union und SPD etwa gleich stark sind, sind am Ende nur zwei Varianten denkbar: Schröder und Merkel teilen sich die Kanzlerschaft - oder sie müssten beide abtreten. Die Gefahr für die SPD: Auch wegen des als ausfallend kritisierten Auftritts Schröders in der Elefantenrunde am Wahlabend wirkt die parteiinterne Kritik an ihm zurzeit größer als die der Union an Merkel.

Über Inhalte reden: Deshalb will der Kanzler nun zunächst über Inhalte reden. Das Kalkül: Sollte sich eine große Koalition am Ende einigen, eine moderate Reformpolitik nach Vorbild der "Agenda 2010" fortzusetzen, würde eine Führungsfigur exakt mit seinem Profil gesucht. Pokern kann Schröder nur, weil er Müntefering an seiner Seite weiß. Beide sind überzeugt, im Notfall einer wochenlangen Blockade die besseren Karten zu haben.

Weil weder für Merkel noch für Schröder die Führung einer Minderheitsregierung eine echte Option ist, drohten dann Neuwahlen. Dabei rechnet sich die SPD-Spitze (mit Schröder) die besseren Chancen aus. Sie würde mit einem "gefühlten Sieger" in die Wahl gehen, die Union kaum mit der angeschlagenen Merkel.

Klar ist aber auch, dass Schröder nur so lange die Kanzlerschaft anstrebt, solange er selbst die Fäden in der Hand hält - genau deshalb versucht die Union, ihn zu demontieren. Deutet sich an, dass maßgebliche Sozialdemokraten tatsächlich ohne ihn planen wollen, dürfte er von sich aus einen Rückzieher machen: Er will auf keinen Fall als "Bauernopfer" seiner Partei dastehen. Dass Schröder und Merkel in den Koalitionsvorgesprächen zwischen Union und SPD selbst geopfert werden, ist wenig wahrscheinlich - beide gehören zu den Verhandlungsführern.

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