Tarif-Debatte
Das Ende der Bescheidenheit

Nach Jahren der Zurückhaltung sollen die Arbeitnehmer durch spürbare Lohnerhöhungen vom Aufschwung profitieren. Die Arbeitgeber halten davon wenig. Dabei ist die Debatte, was ein gerechter Lohn ist, längst entbrannt.
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BerlinDer erste große Tarifabschluss des Jahres legte die Messlatte schon sehr hoch: Die IG Bergbau, Chemie, Energie und der Bundesarbeitgeberverband Chemie einigten sich Anfang des Jahres auf eine Lohnerhöhung von 3,7 Prozent für die 550.000 Beschäftigten der Chemieindustrie. Für ein nicht ganz so hohes Tarifplus plädierte jüngst Bundesbankpräsident Jens Weidmann – und löste damit dennoch erheblichen Unmut im Arbeitgeberlager aus.

In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bezifferte Weidmann den Spielraum für Lohnerhöhungen mit rund 3 Prozent. Dieser ergebe sich „überschlagsmäßig aus mittelfristig knapp 2 Prozent Preisanstieg und einem Prozent Produktivitätswachstum“. Weidmann stützte damit Äußerungen von Bundesbank-Chefvolkswirt Jens Ulbrich, der die Summe aus dem Produktivitätsfortschritt und der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank (EZB) als Lohnerhöhungsspielraum definiert hatte.

Arbeitgeberpräsident (BDA) Ingo Kramer sprach von überflüssigen und wenig hilfreichen Ratschlägen. Heute Vormittag legte er noch einmal nach. Die Bundesbank und die (EZB mögen zwar keine konkreten Tarifempfehlungen gegeben haben, sagte Kramer. Wer sich aber auf das „öffentliche Parkett“ der Tarifpolitik begebe, müsse mit Fehlinterpretationen seiner Aussagen rechnen. Die Frage, was ein gerechter Lohn ist, ist damit aber längst nicht beantwortet. Sind die 3,7 Prozent Lohnerhöhung, die in der Chemiebranche ausgehandelt wurden, eine geeignete Orientierungsmarke oder sind es eher die 3 Prozent, die Bundesbankchef Weidmann ins Spiel gebracht hat?

Das Thema ist populär. Es betrifft jeden – im positiven wie im negativen Sinne. Deshalb haben auch alle Parteien im vergangenen Bundestagswahlkampf versprochen, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. SPD, Grüne und Linkspartei stellten seinerzeit Mindestlöhne und höhere Steuern für Besserverdiener in Aussicht, und auch in der CDU waren solche Ideen kein Tabu mehr.

Immerhin ist der Mindestlohn inzwischen beschlossen. Doch hilft er den Menschen wirklich? Oder wird sich die Lohnuntergrenze von 8,50 Euro nicht vielmehr als Jobkiller erweisen. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat selbst eingeräumt, dass man den Mindestlohn noch nicht auf dem Gehaltszettel bemerke.

Parteivize Ralf Stegner vertraut aber auf die Tarifautonomie, die dank Mindestlohngesetz und Tarifbindung wieder funktionieren könne. Die Höhe von Löhnen und Gehältern gehöre daher nicht ins Feld politischer Einmischung. Gleichwohl hält Stegner den Bundesbank-Vorstoß für richtig. „Erfreulich ist, dass endlich mal jemand aus dem Banken- und Wirtschaftsbereich das volkswirtschaftlich unsinnige Mantra von der angeblich so wichtigen Lohnzurückhaltung erstmals aufgebrochen hat“, sagte Stegner Handelsblatt Online.

Kommentare zu " Tarif-Debatte: Das Ende der Bescheidenheit"

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  • Bescheidenheit? Davon haben unsere Manager und Politiker noch nie etwas gehört!!!!! In Deutschland ist dies wohl verboten??

  • Leonhard Fischer würde nie so über Leonhard Fischer schreiben!

  • Seit wann kümmern sich denn Banken um Lohnerhöhungen?
    Und was nützt eine Lohnerhöhung?
    Zuerst einmal muß diesr Scheiß-Euro angepaßt wrden, der war und ist es bis heute, für uns normale Bürger eine 100%ige Preiserhöhung. Aus 29 DM wurden 29 €, wir aber hatten nur das halbe Einkommen
    Die Firmen hben einen Riesen-Reibach gemacht, deswege wollen sie den Euro ja auch behalten

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