Tarifeinheit
Mit Berufs-Gewerkschaften in die Insolvenz

Ohne die Tarifeinheit können einzelne Organisationen wie die GDL Sonderinteressen durchkämpfen und Unternehmen ausquetschen. Italien hat gezeigt, wo das endet. Ein Kommentar von Dietrich Creutzburg.
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BerlinGewerkschaften bewegen sich mit ihrer Tarifpolitik normalerweise in einem Spannungsfeld zwischen Verbandsegoismus und ökonomischer Vernunft. Auf der einen Seite wollen sie Mitglieder werben und binden. Das schraubt ihre Forderungen hoch und macht sie kämpferisch. Auf der anderen Seite müssen sie darauf achten, die Unternehmen nicht so zu belasten, dass die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder in Gefahr geraten. Das treibt sie in Richtung Vernunft.

Bei der Lokführergewerkschaft GDL kann man zurzeit verfolgen, was passiert, wenn diese Balance aussetzt. Weil Lokführer auf absehbare Zeit nicht wegrationalisiert werden können und weil kaum vorstellbar ist, dass sie als einzelne Berufsgruppe selbst mit einer noch so unvernünftigen Tarifpolitik den Bestand der Deutschen Bahn gefährden könnten, fällt der disziplinierende Faktor bei ihr völlig aus.

Das hat zum einen Folgen für den Inhalt ihrer Forderung: im konkreten Fall ein branchenübergreifender Tarifvertrag für eine einzelne Berufsgruppe, der schon mit seinem Namen – „BuRa-LfTV“ – andeutet, dass es hier um komplexe Spezialinteressen einer verschworenen Gemeinschaft geht. Vor allem aber hat der Wegfall disziplinierender Faktoren spürbare Folgen für das Konfliktverhalten einer solchen Organisation.

Wer es noch gewohnt ist, die Großgewerkschaft Verdi wegen ihrer Protestkultur und ein paar ritualisierter Warnstreiks anzuklagen, der sollte einmal näher vergleichen. Dazu eine Szene von vor wenigen Tagen: Die Deutsche Bahn hatte GDL-Chef Weselsky in einem später öffentlich verbreiteten Brief ermahnt, statt weiter für einen Dauer-Arbeitskampf zu rüsten doch lieber zügig wieder zu verhandeln. Die Antwort der GDL kam prompt: Das Verhalten der Bahn sei derart „dreist“, dass sie dafür sofort mit einem zusätzlichen Warnstreik bestraft werden müsse.

Man muss wohl kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die GDL im Kampf für den „BuRa-LfTV“ in Kürze auch zum angedrohten Dauerstreik aufrufen wird. Und zugleich sollte sich niemand der Illusion hingeben, das Verhalten der Lokführergewerkschaft sei eine berufsspezifische Eigenheit – allenfalls mögen im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge, zu der das Eisenbahnwesen traditionell gehört, einige verstärkende Sonderfaktoren wirken.

Im Kern resultiert dieses Verhalten aus dem Organisationszuschnitt der Berufsgewerkschaft. Branchengewerkschaften können sich gar nicht der Aufgabe entziehen, stets die Größe des lohnpolitischen Kuchens und seine Verteilung innerhalb der Belegschaft aufeinander abzustimmen. Das mag ihnen zuweilen misslingen. Doch die Berufsgewerkschaft muss es gar nicht erst versuchen, weil sie ohnehin immer nur kleine Ausschnitte des betriebswirtschaftlichen Ganzen beeinflusst. Und deshalb wird sie in der Anwendung von Streiks letztlich allein durch die Grenzen ihrer eigenen Kampfkraft beschränkt – soweit nicht durch Recht und Gesetz.

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  • Warum werde die Ärzte nicht erwähnt. Die treiben seit Jahren ihre Gehälter. Jammern überall rum. Vergleichen sich mit ihrem Berufsstand aus England und vergesseb dabei das es bei uns diese Ausbildung kostenfrei gibt. Ein englischer Arzt hingegen hat danach 200000GBP Schulden.

  • Warum werde die Ärzte nicht erwähnt. Die treiben seit Jahren ihre Gehälter. Jammern überall rum. Vergleichen sich mit ihrem Berufsstand aus England und vergesseb dabei das es bei uns diese Ausbildung kostenfrei gibt. Ein englischer Arzt hingegen hat danach 200000GBP Schulden.

  • Ob Berufsgewerkschaften oder Berufspolitiker, jeder hat schuld an dem was in diesem Land geschehen ist. Gewerkschaften vertreten nur noch bei Wahlen die Interessen der Belegschaft, das gleiche gilt für Politiker, es macht für die Menschen keinen Unterschied mehr wer Regiert. Betrogen und belogen werden wir von Politikern und Gewerkschaften. Alle beteiligten müssen wieder zu ihren Ursprüngen zurückkehren, und einen neuanfang machen.
    Danke

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