Tarifkonflikt: Die Suche nach dem Pilotbezirk

Tarifkonflikt
Die Suche nach dem Pilotbezirk

Wo, bitte, ist diesmal der Pilotbezirk? Erfahrene Funktionäre rollen mit den Augen, wenn man ihnen schon am Anfang einer Metall-Tarifrunde diese Frage stellt. Denn die Antwort ergibt sich zumeist erst aus der Dynamik des taktischen Kräftemessens im Tarifkonflikt. Allerdings ist es durchaus auch eine Prestigefrage, wer am Ende den ersten Durchbruch zum Kompromiss erzielt. Und das schafft Raum für Spekulationen – etwa darüber, wer sich bei beiden Tarifparteien profilieren könnte.

Vertrackte Struktur: Dass sich die Frage nach dem Pilotabschluss überhaupt stellt, liegt an der speziellen Struktur des Flächentarifs in der Metall- und Elektroindustrie. Während die chemische Industrie ihre Tarifabschlüsse gleich auf zentraler Ebene macht, liegt bei Metall die Verhandlungsführung in den Regionen. Gewerkschaft und Arbeitgeber koordinieren sich aber so, dass jeweils der erste regionale Abschluss zum Vorbild aller wird.

Traditionell spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass Baden-Württemberg diese Rolle übernimmt, denn dort ist die Branche mit Autoindustrie und Maschinenbau besonders stark. Aber auch Nordrhein-Westfalen als zweiter großer Bezirk hat sich seit einiger Zeit im engeren Kandidatenkreis etabliert – immerhin zwei der vier Abschlüsse seit dem Jahr 2000 entstanden dort.

Ausgerechnet in diesen Bezirken sitzen diesmal aber neue Verhandlungsführer am Tisch: In Baden-Württemberg hat der Ulmer Maschinenbauunternehmer Jan Stefan Roell (51) im Herbst die Führung beim Arbeitgeberverband Südwestmetall übernommen. Er folgte dem langjährigen Chef Otmar Zwiebelhofer, der als einfallsreicher Taktiker einen Namen hat. Neuer Chef beim Arbeitgeberverband Metall NRW ist Horst-Werner Maier-Hunke (68), dessen Firma in Iserlohn Büroartikel produziert. Beide sind durchaus keine Neulinge. Maier-Hunke führt auch den branchenübergreifenden NRW-Arbeitgeberverband, Roell hat im Südwesten bereits eine komplizierte Tarifstrukturreform mit der IG Metall ausgehandelt. Beide trauen sich gewiss einen Pilotabschluss zu.

Personelle Wechsel: Und doch könnten die personellen Wechsel einer der Gründe sein, warum es sich lohnt, auch andere Bezirke ins Blickfeld zu nehmen. Im Fall der IG Metall sind Spekulationen schon deshalb interessant, weil sie im Herbst einen neuen Vorstand wählt. Zwar haben Lohnrunde und Vorstandswahl nach offizieller Lesart nichts miteinander zu tun – ganz lässt sich ein Zusammenhang aber nicht wegdiskutieren. Wer aus dem Kreis der IG-Metall- Bezirksleiter den Pilotabschluss erreicht, kann damit Ambitionen untermauern – sofern das Ergebnis den Metallern gefällt. Es kann aber auch anders laufen: Wer sich verkalkuliert oder ein am Ende umstrittenes Ergebnis zu verantworten hat, gerät leicht in die Defensive. Da ist zunächst Detlef Wetzel (Foto), Bezirksleiter der IG Metall NRW und nun Verhandlungspartner von Maier-Hunke. Wetzel gilt schon so lange als Vorstandskandidat, dass er eigentlich keinen Bedarf an zusätzlichem Rampenlicht hat. Er brachte 2006 in NRW den Drei-Prozent-Abschluss für die Metaller zu Stande, setzte später mit 3,8 Prozent plus 1 250 Euro Sonderzahlung in der Stahlindustrie noch eins drauf – und würde zu gern nicht stets unter Karriereaspekten beäugt.

Böse Erinnerungen: Wenn es aber weder in NRW noch in Baden-Württemberg zum Pilotabschluss käme – wo dann? Vielleicht in Hessen, wo seit 2005 Armin Schild IG-Metall-Bezirksleiter ist? Er war schon Chef der Tarifabteilung beim IG-Metall-Vorstand, geriet aber in den Strudel des gescheiterten Streiks für die 35-Stunden-Woche im Osten 2003. Jürgen Peters, damals noch Vizechef der Gewerkschaft und sein direkter Vorgesetzter in dieser Funktion, rückte an die Spitze – Schild musste sich umorientieren. Ihm käme es kaum ungelegen, könnte er durch einen Pilotabschluss sein Geschick neu beweisen und sich für höhere Aufgaben empfehlen. Oder soll man gleich an Bayern denken, was bei Arbeitgebern ungute Erinnerungen wachriefe? Dort brach 1995 ihre vermeintlich eisenharte Abwehrfront unter einem kurzen Streik kläglich zusammen. Die Folgen: gut sieben Prozent Lohnerhöhung – und ein erster Schub für Tarifflucht und Produktionsverlagerung ins Ausland.

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