Tarifkonflikt
IG Metall will größere Brötchen backen

Am Mittwoch gehen die Tarifverhandlungen in die vierte Runde. Doch der Konflikt der Metaller dreht sich um mehr als ein paar Lohnprozente: Es geht um einen Mann von morgen, ein neues Thema – und um die Kampfeslust der IG Metall.

BOCHUM. Diese Weicheier! Verraten die Ideale der Arbeiterbewegung. Einfach so, ohne Not. Wollen sich schon lange nicht mehr auf einen richtigen Streik einlassen, trauen sich nichts.

Ganz so klar und scharf formuliert Winfried May das natürlich nicht. Er sagt: „Länger durchhalten, das könnten die schon, die da oben. Die sind jetzt viel stärker auf die Geschäftsführung fixiert. Und Streikgeld, das können die auch mal zahlen. Die Bereitschaft dazu ist abgebröckelt.“

„Die da oben“ – damit ist vor allem Detlef Wetzel gemeint. Der schlanke Mann mit dem schütteren Haar und der Brille ist Chef der IG Metall in Nordrhein-Westfalen und Verhandlungsführer im Tarifkampf der Stahlindustrie. Er steht auf einem Podest vor Tor Süd der Thyssen-Krupp Steel in Bochum und redet auf die Menschen vor ihm ein: ein paar hundert Männer und Frauen im Blaumann, darüber rote Plastikwesten mit der Aufschrift „Warnstreik“.

Winfried May ist irgendwo dazwischen, ein eher kleiner, runder Mann mit kräftigem Händedruck, 54 Jahre alt, 40 Jahre Stahlarbeiter, seit einigen Jahren auch Vorsitzender des Betriebsrats der Thyssen-Krupp Weichenbau. May beschreibt die Stimmung an diesem Spätsommertag so: „Wir sind streikbereit, Angst haben wir keine.“ Und für Wetzel schiebt er gleich noch hinterher: „Die IG Metall weiß gar nicht, was sie an ihren Mitgliedern hat: eine kampfbereite und kampferprobte Truppe.“

Vielleicht haben May und Kollegen auch schon bald die Gelegenheit, das zu beweisen: Am Mittwoch gehen die Tarifverhandlungen für die 85 000 Beschäftigten der Eisen- und Stahlindustrie in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen in den vierte Runde. Seit Ende vergangener Woche laufen die Warnstreiks der Stahlarbeiter. Und geht es nach Männern wie Winfried May, ist die Urabstimmung nicht mehr weit – falls sich die Arbeitgeber nicht endlich bewegen.

Ein Streik sei dann so sicher wie das Amen in der Kirche, sagt einer der Männer, die bei Thyssen-Krupp Steel in Bochum für den Warnstreik ihre Schicht unterbrochen haben. Die Kollegen vor Tor Süd nicken und murmeln zustimmend. „Aber wahrscheinlich wird es vorher doch noch zu einem faulen Kompromiss kommen“, orakelt einer von hinten.

Das jährliche Ritual um Tarifprozente, der übliche Streit zwischen Arbeit und Kapital? Nicht ganz. Dieses Mal geht es um mehr. Ein erfolgreicher Tarifabschluss ist für Detlef Wetzel ein wesentlicher Baustein für seinen Karrieresprung auf der Bundesbühne, für eine wichtige Rolle an der Spitze der IG Metall. Wetzel hat große Chancen, im kommenden Jahr als Zweiter Vorsitzender in die Gewerkschaftszentrale in der Frankfurter Innenstadt zu ziehen – sofern sich IG-Metall-Chef Jürgen Peters an die Abmachung mit seinem Vize Berthold Huber hält, nicht erneut kandidiert und Huber neuer IG-Metall-Chef wird.

Seite 1:

IG Metall will größere Brötchen backen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%