Tarifpakt: Chemie-Beschäftigte sorgen vor

Tarifpakt
Chemie-Beschäftigte sorgen vor

Wie kann der Übergang vom Beruf in die Rente in einer alternden Gesellschaft gestaltet werden? Der neue Chemie-Tarifvertrag gibt Aufschlüsse: Acht Monate nach dem Start zeigt sich, dass Zusatzrente und Zeitguthaben die Favoriten der Beschäftigten sind. Warum der Tarifpakt Schule machen könnte.
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BERLIN. Mehr Zusatzrente im Alter ist aus Sicht der Beschäftigten der Chemieindustrie offenbar die beste Vorbereitung auf den demografischen Wandel – besser jedenfalls als Altersteilzeit oder mehr Schutz bei Berufsunfähigkeit. Das deutet sich acht Monate nach dem Start des neuen Demografie-Tarifvertrags für die Branche an: Nach ersten Auswertungen der Tarifpartner haben mehr als die Hälfte der Belegschaften die darin enthaltene Altersvorsorge-Option gewählt.

Der Pakt, der auch in der Politik Beachtung findet, gibt den 1 900 Chemiebetrieben seit Jahresanfang vor, für ihre Belegschaften neuartige Vorsorgefonds zu betreiben. Wie die tariflich festgesetzten Geldmittel – 300 Euro pro Jahr und Mitarbeiter – genau eingesetzt werden, können Betriebsrat und Firmenleitung unter insgesamt fünf Menü-Optionen auswählen: Altersvorsorge, Langzeitkonten, Zuschläge bei Altersteilzeit, Zusatzschutz bei Berufsunfähigkeit oder Teilrente.

Für die politische Diskussion hatte das 2008 ausgehandelte Konzept damit ein Beispiel geliefert, wie Tarifparteien den Übergang vom Beruf in die Rente in einer alternden Gesellschaft mitgestalten können. Zwei politische Einschnitte hatten die Gewerkschaft IG BCE und den Chemie-Arbeitgeberverband BAVC dazu besonders inspiriert: der Beschluss über die Anhebung des Renteneintrittsalters und das Ende der Förderung von Altersteilzeit durch die Bundesagentur für Arbeit.

Beides zusammen stellt die Firmen vor die Aufgabe, sich stärker in eigener Regie um die Belange älterer Beschäftigter zu kümmern. Der Chemie-Tarifvertrag gibt ihnen dafür quasi Werkzeug an die Hand. Der Pakt sei ein Schritt hin „zu einer neuen Qualität der Arbeitsbedingungen“, lobte IG-BCE-Vorstand Peter Hausmann – trotz aller Vorbehalte, die auch seine Gewerkschaft gegen die Rente mit 67 und das Ende der geförderten Altersteilzeit hat. Doch sei es nicht angebracht, vor diesem Hintergrund einfach in „lähmenden Pessimismus“ zu verfallen“.

„Ein Vorteil für die Branche“

Nach der Altersvorsorge rangiert laut Zwischenbilanz die Option des Langzeitkontos in der Gunst der Betriebsparteien auf Platz zwei: Hier können die Beschäftigten die Fondsmittel ansparen, um später ohne Gehaltsverlust vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Die Option Altersteilzeit folgt dagegen erst auf Platz drei. Bei ihr erhalten Beschäftigte, die ihre Arbeitszeit vor dem regulären Renteneintritt halbieren, Lohnzuschüsse aus Fondsmitteln – anstelle der alten öffentlichen Förderung. Offenbar finden nicht allzu viele Belegschaften diese Variante attraktiv.

Dass das Konzept des neuen Tarifvertrags gelungen sei, finden auch die Arbeitgeber – die nun immerhin jedes Jahr neues Geld an die betrieblichen Fonds überweisen müssen. Solche „innovativen Lösungen“ würden sich für die Branche schon bald „als echter Wettbewerbsvorteil erweisen“, sagt BAVC-Hauptgeschäftsführer Hans Paul Frey voraus.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent

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