Teilzeit- und Fernstudium
Hochschulen vernachlässigen Berufstätige

Politik und Wirtschaft sind sich einig: Deutschland braucht mehr Akademiker – vor allem in Ingenieur- und Naturwissenschaften. Ein Weg dahin wären flexible Studienangebote. Doch bei Teilzeit- und Fernstudium hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher. Als Vorbild gelten die Angelsachsen.

BERLIN. In Australien, den USA oder Großbritannien macht gut jeder dritte Student seinen Abschluss außerhalb des klassischen Hörsaals – und kann parallel dazu arbeiten oder sich der Familie widmen.

„Während etwa in Australien 42 Prozent der Studierenden nicht das klassische Vollzeitstudium absolvieren, sind es in Deutschland nur 17 Prozent“, sagt Matthias Klumpp, Professor an der privaten Fachhochschule für Oekonomie & Management und Autor einer internationalen Vergleichsstudie.

Nach dem Koalitionsvertrag will die Bundesregierung die Akademikerquote auf „mindestens 40 Prozent eines Jahrgangs“ steigern. Derzeit sind es nur 36 Prozent - im OECD-Mittel dagegen 54 Prozent. Berücksichtigt man zudem die Abbrecher, schrumpft die Quote auf nur noch ein Fünftel. Viele Studierende geben auf, weil sie Studium und Beruf nicht unter einen Hut bringen.

Nach Ansicht des Bildungsexperten des Instituts der deutschen Wirtschaft, Hans-Peter Klös, hat die Misere diverse Ursachen: „Erstens finanzieren wir noch immer die Angebotsseite, anstatt etwa über Gutscheine die Nachfrager zu unterstützen. Zweitens ist die Lehre an den Hochschulen generell unterfinanziert. Und schließlich hinken wir bei der Einführung des Bachelor/Master-Systems hinterher.“ Zumindest letzteres soll bis 2010 etabliert sein.

Als Vorbild gelten die Angelsachsen. So belegen von knapp 20 Millionen Studenten in den USA fast sieben Millionen ein Teilzeitstudium, wozu auch duale Studiengänge und Fernstudien zählen. Insgesamt ist das Teilzeitstudium in den USA „ein Arrangement, das ein Studium neben einer Beschäftigung oder dem Familienleben ermöglicht – im Unterschied zu Deutschland“, sagt Klumpp.

Zwar betrachten sich auch in Deutschland – je nach Studie – 20 bis 30 Prozent der Studenten faktisch als Teilzeitstudenten – allerdings ohne Unterstützung. Echte Teilzeit-Angebote, die systematisch das Lernen am Abend, am Wochenende oder in Blockseminaren organisieren, sind rar: Von insgesamt knapp 9 000 Studiengängen in Deutschland erfüllen nach Klumpps Recherchen gerade mal zwei Prozent diese Kriterien. Eine reelle Chance, Studium und Beruf zu verbinden, gebe es nur beim Fernstudium und den berufsbegleitenden Modellen. Diese umfassen in Deutschland jedoch gerade mal fünf Prozent der Studenten.

Äußerst flexibel ist das Angebot dagegen in Australien: Es wird individuellen Bedürfnissen viel eher gerecht als das deutsche Präsenzstudium, heißt es in der Studie. Down Under können Studenten entweder in der Hochschule büffeln oder zu Hause, Materialien werden geliefert. Auch eine Kombination ist möglich. Zudem kann jede Variante wahlweise in Vollzeit oder Teilzeit absolviert werden. So erreicht Australien eine Quote von echten Teilzeit- und Fernstudenten von 41 Prozent. Auf einen ebenso hohen Wert kommt Litauen, wo das Fernstudium schon zu kommunistischen Zeiten breit akzeptiert war. Womöglich liegt die hohe Quote auch daran, dass es nicht genug Vollzeit-Studienplätze gibt. „Das Fernstudium wäre dann für die Hochschulen ein Instrument, mit der hohen Nachfrage umzugehen, ohne die Interessenten zu verlieren“, so Klumpp.

Um auch deutsche Hochschulen auf Trab zu bringen, will Bildungsministerin Annette Schavan 2009 einen Wettbewerb starten: Er soll Unis und Fachhochschulen motivieren, „passgenaue Angebote für Berufstätige“ zu entwickeln. Allerdings gibt es Zweifel, ob das auf breiter Front gelingt: „Für staatliche Hochschulen ist die Aufgabe, andere Studienformen als das Vollzeitstudium einzuführen, eine zu große Herausforderung“, meint Waltraud Kreutz-Gers, Abteilungsleiterin für Hochschulmanagement im Wissenschaftsministerium NRW. Daher komme hier „privaten Hochschulen eine bedeutende Rolle zu“.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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