Terror-Vorbeugung
Der „Rail Marshal“ als Beute der Verbände

Mehr oder weniger Beteiligte am deutschen Eisenbahnwesen haben sich am Montag damit überboten, Vorschläge für mehr Sicherheit in Zügen und auf Bahnhöfen zu unterbreiten. Dabei köchelte jede Interessengruppe ihr eigenes Süppchen. Angela Merkel hat aber bereits abgewiegelt.

HB BERLIN. Angefangen hatte alles mit dem Vorschlag der Unions-Innenpolitiker Clemens Binninger (CDU) und Norbert Geis (CSU,) bewaffnete Zugbegleiter in Züge zu schicken nach dem Vorbild jener Sicherheitskräfte, die inkognito an Bord von Flugzeugen mitreisen, um bei einem Zwischenfall an Bord eingreifen zu können. Geis meint sogar: „Wir brauchen die gleichen Sicherheitsmaßnahmen in Zügen wie in Flugzeugen.“

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) fand diese Idee Spitze und peilte gleich mal über den Daumen, wieviel Personal und damit potenzielle Gewerkschaftsmitglieder dafür notwendig wären. Bei täglich über 30 000 Zügen wären „mindestens 5 000 zusätzliche Kräfte bei der Bundespolizei“ notwendig, sagte Konrad Freiberg der „Leipziger Volkszeitung“ und tremolierte hinterher: „Wir stehen vor der größten innenpolitischen Gefahr seit 1945, darin stimmen alle überein. Die Bedrohung wird noch Jahre dauern. Aber die Politik leistet sich diese ewige alt bekannte Hin- und Her-Diskutiererei. Ich erwarte endlich Führung von den Verantwortlichen“.

Groteskerweise findet jene „ewige alt bekannte Hin- und Her-Diskutiererei“, über die sich Gewerkschaftschef Freiberg beklagt, in seinem eigenen Verband genauso statt. Der GdP-Chef für den Bereich Bundespolizei, Josef Scheuring, meint nämlich zu den „Rail Marshals“: „Bei rund 30 000 Zügen pro Tag wäre das ein nahezu unvorstellbarer Personalaufwand“. Es sei zudem fraglich, wie die Beamten einen Zug unter Kontrolle halten sollten. „Ein ICE ist schließlich etwas ganz anderes als eine Flugzeugkabine.“

Scheuring hat deswegen einen anderen Vorschlag parat, der seiner Klientel jedoch noch besser gefallen dürfte: Seiner Meinung nach sollte stattdessen die Freifahrtregelung für Polizisten in Zügen erweitert werden. Bislang dürfen Beamte nur in Uniform kostenlos zu ihrem Heimatort fahren. Dies sollte auch Beamten des Bundes und der Länder in Zivil gewährt werden. Gegen neue Kollegen hat aber auch der Gewerkschaftsmann der zweiten Reihe nichts einzuwenden und fordert - wie sein Chef Freiberg - 5 000 neue Bundespolizisten.

Die Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft GDBA hält auch nicht viel von „Rail Marshals“, findet aber an der Idee Gefallen, zusätzliches Personal zu rekrutieren. „Was in einem Flugzeug, in dem alle in Passagiere dicht beisammen sitzen, vielleicht noch einen Sinn ergeben mag, ist einem Zug, der aus mehreren Waggons besteht, nicht praktikabel“, versichert GDBA-Bundeschef Klaus-Dieter Hommel und sagt: „Wir fordern, verstärkt Mitarbeiter als Aufsicht auf den Bahnsteigen und in den Bahnhöfen einzusetzen, vor allem aber, das Personal in den Regionalzügen deutlich aufzustocken“. Wenn jedem klar wäre, dass aufmerksame Bahnmitarbeiter vor Ort präsent seien und auf Unregelmäigkeiten achten würden, sei dies die beste Prävention.

„Aufmerksame Bahnmitarbeiter“, sagte der GDBA-Mann, nicht etwa Polizisten.

Wahrscheinlich haben die genannten Interessenvertreter aber umsonst gefordert, verlangt, vorgeschlagen oder gewarnt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nämlich schon am Montagmittag gewunden erklärt, dass „Rail Marshals“ so schnell nicht auf deutschen Schienen reisen werden. Dies sei nicht die richtige Antwort auf die gegenwärtige Bedrohungslage.

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