Terrorismus

Vom Knast in den Dschihad

Gefängnisse als Rekrutierungszentren für den Dschihad? Eine neue Studie zeigt: Viele europäische „Gotteskrieger“ werden im Gefängnis von Predigern überzeugt. Auch in Deutschland ist ein umstrittenes Netzwerk aktiv.

Gefängnis-Insassen werden zur leichten Beute für Dschihadisten-Rekrutierer

Gefängnis-Insassen werden zur leichten Beute für Dschihadisten-Rekrutierer

DüsseldorfFür Harry Sarfo, den ehemaligen Fußballtorwart aus Bremen, beginnt die Reise in den Dschihad in einer kleinen Zelle. Weil er mit Freunden einen Supermarkt ausraubte, wurde der 23-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. In seiner ersten Woche in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bremen lernt Sarfo René Marc Sepac kennen.

Der Mitgefangene von Sarfo gilt als überzeugter Salafist. Also einer, der mit Gewalt die Ausrichtung der Gesellschaft und des Staates im Sinne ihrer Deutung des Islam durchsetzen will. Bevor Sepac in der Bremer JVA landete, verbreitete er für Osama bin Laden Propagandavideos im Internet. Zwei Mal versuchte er, in ein Terror-Camp zu reisen.

„Sepac sagte zu mir: "Das ist Islam. Das, was Du bis jetzt praktiziert hast, ist kein Islam."“, sagte Sarfo Jahre später bei seiner Vernehmung zu der Polizei. Sarfo glaubte ihm. Drei Jahre nach seiner Freilassung, im April 2015, reist Sarfo zum Islamischen Staat (IS) nach Syrien, um sich zum Terroristen ausbilden zu lassen.

Eine kriminelle Vorgeschichte wie Sarfo haben viele der Männer, die heute für den IS in Syrien kämpfen. 27 Prozent aller europäischen Dschihadisten wurden im Gefängnis von islamistischen Predigern radikalisiert. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des King's College in London.

Die englischen Wissenschaftler untersuchten die Lebensläufe von 79 Dschihadisten aus Deutschland, Belgien, Großbritannien, Dänemark, Frankreich. Dabei fanden sie heraus, dass über die Hälfte der Dschihadisten im Gefängnis saß, bevor sie sich einer Terrororganisation anschlossen. Von den 15 in der Studie untersuchten deutschen Dschihadisten saßen sechs vor ihrer Festnahme bereits wegen kleinerer Delikte im Gefängnis. Zwei von ihnen radikalisierten sich in deutschen Gefängnis.

„Die Gefängnisse entwickelten sich zu Rekrutierungszentren von Dschihadisten“, heißt es in der vergangene Woche veröffentlichten Studie. Der IS konzentriere sich bei ihren Rekrutierungsbemühungen nicht so sehr auf Hochschulen oder religiöse Einrichtungen, sondern zusehends auf sozial Schwache und Kriminelle.

In Gefängnissen seien leicht „wütende junge Männer“ zu finden, die für eine Radikalisierung „reif“ seien und im Kampf an der Seite der Dschihadisten eine Form der „Erlösung“ sehen, so die britischen Wissenschaftler. Dschihadisten könnten dann auf „übertragbare Fertigkeiten“ wie Erfahrungen im Waffengebrauch und bei der kriminellen Geldbeschaffung zurückgreifen.

Vom Feuerwehrmann zum geistigen Brandstifter
Sven Lau
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Der Salafistenprediger Sven Lau wurde am 15. Dezember 2015 in Mönchengladbach verhaftet. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Er soll die syrische Terror-Organisation Jamwa („Armee der Auswanderer und Helfer“) unterstützt haben und muss sich dafür am Dienstag vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht verantworten.

Lau bei einer Kundgebung
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Der Ex-Feuerwehrmann aus Mönchengladbach ist eher ein Mann der leisen, emotionalen Töne. In der Szene ist er dafür zeitweise als „Weichei“ verspottet worden. Wohl zu Unrecht: Der Verfassungsschutz attestiert dem 35-Jährigen eine Radikalisierung. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, Terroristen unterstützt zu haben.

Pierre Vogel
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Der Prediger und Ex-Profiboxer (38) aus dem Rheinland ist ein enger Weggefährte Sven Laus. In jüngster Zeit distanziert er sich ausdrücklich von der Terrormiliz Islamischen Staat (IS) und soll dafür sogar Morddrohungen erhalten haben. Kuriosum am Rande: Sein Vater ist Hells-Angels-Rocker.

Ibrahim Abou-Nagie
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Der Salafist wurde 2012 bundesweit als Initiator der umstrittenen Koranverteilungsaktion „Lies!“ bekannt. Er soll mehrfach Juden und Christen beschimpft haben. Das Amtsgericht Köln verurteilte ihn wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Bewährungsstrafe. Nagie hatte zu Unrecht 54.000 Euro Sozialleistungen kassiert.

Denis Cuspert alias „Deso Dogg“
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Der 40-jährige Ex-Gangster-Rapper aus Berlin hat sich vor einigen Jahren in den Nahen Osten abgesetzt. Er wird als IS-Terrorist gesucht und steht auf der Terrorliste der Vereinten Nationen. Schon mehrfach wurde sein Tod kolportiert.

Bernhard Falk
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Der 49-Jährige hat als Linksterrorist der Antiimperialistischen Zellen fast 13 Jahre hinter Gittern gesessen und ist zum Islam konvertiert. Falk bewundert die Taliban und distanziert sich vom Islamischen Staat. Er betreut bundesweit islamistische Gefangene – aber nur die, die schweigen und nicht mit den staatlichen Ermittlern kooperieren.

Metin Kaplan alias „Kalif von Köln“
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Als Anführer einer fundamentalistischen Bewegung war Kaplan 1992 in Deutschland Asyl gewährt worden. Als er 1996 zur Ermordung eines Gegenkalifen aufrief und der Mann in Berlin erschossen wurde, begannen Ermittlungen gegen den inzwischen 63-Jährigen. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht verurteilte Kaplan im Jahr 2000 zu vier Jahren Haft. 2004 wurde er in die Türkei abgeschoben, wo er wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und im Gefängnis sitzt. Er soll geplant haben, die Türkei in einen islamistischen Staat zu verwandeln.

„Die Prediger des IS und von Al-Qaida sind eher ruhige, defensive Typen. Sie suchen sich ihre Rekruten aus und sprechen diese dann gezielt an“, sagt Oliver Rast, Sprecher der deutschen Gefangenen-Gewerkschaft und Ex-Häftling. Während seiner Haftstrafe in der JVA-Berlin-Tegel seien ungefähr sechs Anhänger einer islamistischer Gruppen mit ihm inhaftiert gewesen, so Rast. „Radikale Islamisten werden zu Trendsettern in den Gefängnissen. Es ist in Mode, sich den Islamisten anzuschließen.“

Die Terroristen im Gefängnis sind vernetzt
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