Thesen spalten Deutschland: „Sarrazin hat die richtige Debatte angestoßen“

Thesen spalten Deutschland
„Sarrazin hat die richtige Debatte angestoßen“

Falsche Schlussfolgerung, richtige Diskussion: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat sich in Teilen auf die Seite Thilo Sarrazins geschlagen. Auch andere Politiker zeigen sich erfreut, dass die „unbestrittenen“ Missstände bei der Integration angesprochen wurden. Allen gemein ist die Frage nach dem richtigen Tonfall und das Ringen um Sachlichkeit.
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HB BERLIN. Anspannung und Unsicherheit kann Thilo Sarrazin (65) nicht mehr verbergen. Das einstige schwere Stottern kommt hier und da auf dem Podium in Berlin wieder durch. Obwohl er sich in der Debatte am Montagmorgen gelassen geben will, reagiert Sarrazin zwischendurch gereizt und wird lauter. Und nervös ist offenbar auch das Bundeskriminalamt: Vier Leibwächter begleiten Sarrazin bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der Vorstellung des umstrittenen Buches.

Wie gespalten die Gesellschaft von den Sarrazinschen Thesen über angeblich integrationsfeindliche Einwanderer ist, zeigen Reaktionen.

Im Saal an der Friedrichstraße, wo auf Einladung des „Behörden Spiegels“ Beamte und öffentliche Angestellte tagen, erhält der Bundesbank-Vorstand Zwischenapplaus. Buhrufe gibt es dagegen für die Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen, die von einem „strukturellen Rassismus in der Gesellschaft“ spricht. Als Sarrazin später über die Straße zu seinem Auto geht, ruft ihm ein junger Mann aus seinem offenen Autofenster halblaut nach: „Sarrazin, Du Nazischwein.“

Inhaltlich gibt Sarrazin, dem von der Moderatorin als letztem und später eher selten das Wort erteilt wird, keinen Millimeter nach. „70 Prozent der Migranten sind bestens integriert in der zweiten Generation. 30 Prozent haben enorme Probleme und das sind die Migranten aus den muslimischen Ländern“, sagt er und viele Zuhörer nicken.

Die Zustimmung im Publikum, in dem kein erkennbarer Einwanderer sitzt, wird stärker, als Sarrazin „Fragen, die man an jeder Schule hört“, anspricht. „Die Frage ist, weshalb türkische Männer häufiger unverschämt sind zu Lehrerinnen. Und weshalb können türkische Kinder nicht zu Geburtstagen von deutschen Kindern gehen, wenn sie eingeladen sind.“ Nicken und Klatschen.

Die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) ist pikiert und fordert eine „sachliche Auseinandersetzung“. Die Links- Politikerin Dagdelen kritisiert „soziale Ausgrenzungen“ und verlangt Geduld und mehr Förderung. Sarrazin platzt dazwischen: „Der Gastarbeiterstopp war vor 37 Jahren, in der Zeit kann man deutsch lernen.“ Dagdelen redet weiter, mehrfach tönt es von gegenüber: „Vor 37 Jahren.“

Einen der wenigen Lacherfolge erntet der Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Klaus J. Bade. „Die Übergangszeit dauert nun seit 30 Jahren“, sagte er über die politischen Fehler der Vergangenheit, in der nie eine tatsächliche Einwanderung akzeptiert worden sei. „Die Rache heißt Sarrazin.“

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Kommentare zu " Thesen spalten Deutschland: „Sarrazin hat die richtige Debatte angestoßen“"

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  • Die Türken die vor 40 Jahren nach Deutschland kamen haben dies getan, weil sie in ihrem Heimatland kaum Wohlstand zu erwarten hatten. in Deutschland haben sie die Chance gefunden, durch einfache Arbeit ein relativ gutes Leben führen zu können. Dafür muß hier niemand dankbar sein.
    Hätte es diese Arbeitskräfte nicht gegeben, dann wäre trotzdem das deutsche Wirtschaftswunder nicht gescheitert. Es basiert nämlich damals wie heute auf dem ideenreichtum der deutschen Arbeiter und Unternehmer und nicht darauf, dass Ausländer in deutschen bergwerken gearbeitet haben.

  • @yahel
    ich muss ihnen leider etwas widersprechen. Erstens habe ich nicht behauptet, dass die Türken das Land wiederaufgebaut haben, sondern habe geschrieben, dass sie den Wirtschaftsaufschwung in Deutschland maßgeblich vorangetrieben haben, der erst ab den späten 50er Jahren richtig in Fahrt kam. Damals gab es zu wenig deutsche Männer, um die benötigten Arbeitskräfte zu stellen. Das ist ein feiner Unterschied.
    Ja es ist richtig, dass dies wenig gebildete Arbeiter waren. Das änderst aber nichts an meiner Aussage. Sie kamen, weil sie in der industrie benötigt wurden. Es war ein gegenseitiges Abkommen zwischen der bunderrepublik und der Türkei.

    Es ist auch richtig, dass die Leute freiwillig kamen und bezahlt wurden, immerhin waren es ja keine Sklaven. Trotzdem haben sie Arbeiten verrichtet, die nun mal notwendig waren, sehr anstrengend waren und für die man keine Leute finden konnte. Ohne diese Leute hätte Deutschland nicht das erreicht, was es erreicht hat.

    ich möchte die Probleme der integration heute nicht kleinreden, denn die sind da. Alles was ich ausdrücken will, dass Ausländer in Deutschland eine wichtige Rolle gespielt haben, die heute keiner mehr sieht.

  • @ RobCritic (33)

    „.....als sie nach Deutschland kamen, um den deutschen Wirtschaftsaufschwung nach dem 2. Weltkrieg zu ermöglichen.“

    Auch durch mehrfaches und sich wiederholendes behaupten wird es nicht richtig, die Türken kamen, als dieses Land schon längst aufgebaut war, 1962, und sie wurden nicht gerufen, sie wurden von der Regierung der TR geschickt. Es kamen zu einem weit überwiegenden Teil Analphabeten bzw. Männer, die eine sehr kurze Schulzeit hinter sich hatten. Die erzwungene Anwerbung der Türken beinhaltete einen max. Aufenthalt von 2 Jahren in D.

    „Hat man den Türken, Polen, Russen, Serben usw. jemals dafür gedankt, dass sie Schwerstarbeit im bergbau und den Kohleminen sowie der Schwerindustrie verrichtet haben?“

    bitte? Diese Menschen sind für diese Arbeit bezahlt worden und zwar nach den damals gültigen Tarifen. Sie beziehen heute eine Rente aus ihren damals gezahlten beiträgen. Vergessen Sie bei ihren Gedanken, daß diese Menschen freiwillig hierher kamen, niemand hat sie gezwungen in D zu arbeiten.

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