Think-Tanks
Denkfabriken für bessere Bildung

In den Räumen der Vodafone Stiftung am Düsseldorfer Seestern wird derzeit noch mehr nachgedacht als sonst. Neben ihrer bisherigen Fördertätigkeit ist sie nun auch als Think-Tank aktiv. Schwerpunkt: Bildungspolitik. Die Stiftung ist kein Einzelfall. Die Wirtschaft gründet immer mehr Think-Tanks, weil ihr aus Politik und Verwaltung innovative Ideen fehlen.
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DÜSSELDORF. „Wir wollen flächentaugliche Lösungsideen auf dem Gebiet der sozialen Mobilität, der Integration und Bildung entwickeln und diese bereits beim Entstehen mit Politik, Wissenschaft und Verwaltung diskutieren“, kommentiert Mark Speich, Geschäftsführer der Stiftung, die Gründungsidee. In einem ersten Projekt widmet sich die Denkfabrik der Frage, wie eine höhere Chancengleichheit für die Schüler beim Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe II erreicht werden kann.

Denkfabriken sind öffentlich oder privat finanzierte Einrichtungen, die wissenschaftliche Forschung mit der klaren Mission betreiben, die öffentliche Debatte und die politische Gestaltung zu beeinflussen. In der Wirtschaftspolitik ist diese Art der Beratung in Deutschland längst etabliert. „Aber auch bildungspolitisch wächst ihr Einfluss“, meint Professor Martin Thunert, Politikwissenschaftler an der Uni Heidelberg und langjähriger Beobachter der Think-Tank-Landschaft. Schwergewichte auf dem Gebiet sind die OECD, die Bertelsmann Stiftung sowie das Centrum für Hochschulforschung (CHE). „Daneben gibt es über 30 kleinere Institute, die Bildungspolitik, Ausbildung oder den Arbeitsmarkt auf ihrer Agenda haben“, so Thunert. Der Bedarf an neuen Konzepten ist da – vor allem in der Bildung: „In Politik und Verwaltung fehlen oft die Zeit und der Blick von außen, um innovative Ideen zu entwickeln“, denkt Professor Ludger Wößmann, Bildungsökonom an der Universität München.

Den wohl größten Einfluss auf die Bildungsdebatte hatte die OECD mit ihrer Pisa-Studie. Auch wenn die Methoden und der stark betriebswirtschaftlich geprägte Blick auf Bildung mehr und mehr in die Kritik geraten, hat der große Schulleistungsvergleich zum Umdenken gezwungen. „Die Untersuchungen haben in Deutschland einen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik im Sinne von Ergebnisorientierung, Rechenschaftslegung und Systemmonitoring eingeleitet“, resümiert der Präsident der Kultusministerkonferenz Henry Tesch.

Im Hochschulbereich hat das CHE den Wandel zu mehr ökonomischen Freiheiten intensiv mit seiner Forschung begleitet. „Wir wollen Hochschulen dabei unterstützen, autonom ihre Ressourcen, ihr Personal, ihre Organisation und Leitungsstrukturen zu entwickeln und sich im Wettbewerb erfolgreich zu positionieren“, erklärt Professor Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE die Leitidee. Mit Erfolg: Das jährlich veröffentlichte Hochschul-Ranking des CHE hat sich zu einer europaweit anerkannten Messlatte entwickelt. CHE-Empfehlungen sind zudem inzwischen in Länder-Gesetze eingeflossen – wie etwa in das nordrhein-westfälische Hochschulfreiheitsgesetz.

Auch für das kürzlich verabschiedete Gesetz zur Bildungsprämie leistete ein Think-Tank Vorarbeit. Das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomik hat erste Lösungsansätze für dieses Instrument zur Finanzierung von Weiterbildung entwickelt. In Kooperation mit Kulturministerien und Kommunen hat die Bertelsmann-Stiftung in den vergangenen Jahren verschiedene Projekte zum Thema Qualitätsentwicklung an Schulen umgesetzt. Beispiele sind etwa die „selbstständige Schule NRW“ oder die Einrichtung regionaler Bildungsbüros. Und zum kritischen Beobachter des deutschen Bildungssystems schwingt sich schließlich Jahr für Jahr das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) mit der Veröffentlichung seines Bildungsmonitors auf. Seit 2004 vergleicht das IW die Bildungsstandards in den Bundesländern anhand von Indikatoren wie Schulqualität, Studienbedingungen oder Arbeitsmarktorientierung.

„Als Moderatoren zwischen Politik und Wissenschaft sind Think-Tanks dann besonders erfolgreich, wenn sie die Ideen der Wissenschaft für Politiker gut übersetzen können“, sagt Politikwissenschaftler Thunert. Aus Zeitdruck sind vielen Entscheidern prägnant zusammengefasste und eingängig formulierte Thesen häufig willkommener als 300 Seiten schwer verdauliche Studienkost. „Zudem sind Denkfabriken anders als rein wissenschaftliche Institute in der Regel dazu in der Lage, ihre Arbeit nach dem Kalender der Politik zu richten“, meint Thunert. Steht ein bestimmtes Thema zur Diskussion, steht die entsprechende Think-Tank-Forschung zur Verfügung.

Gerade diese Art der Einflussnahme stößt aber auch auf Kritik. Vor allem seien die Ergebnisse der Think-Tanks nicht objektiv, sondern ausschließlich interessengeleitet. „Natürlich muss man zwischen einer reinen Ideologieproduktion und Empfehlungen mit wissenschaftlichem Hintergrund unterscheiden“, gibt Thunert zu Bedenken. Wichtigste Voraussetzung für die Verwertbarkeit der Informationen sei daher, dass die Datenerhebung nachvollziehbar ist und Finanzierung sowie Auftraggeber transparent sind. „Ist das gewährleistet, steht aber in erster Linie eine gute Idee im Raum, über die nachgedacht werden darf und muss“, ergänzt Professor Wößmann. Es sei dann vorrangig Aufgabe der Entscheider, den Absender der Empfehlung im Hinterkopf zu haben und mögliche Interessen abzuwägen.

In Zukunft sieht Thunert die Think-Tanks noch stärker als Moderator zwischen Politik und Gesellschaft. „Der Dialog mit den tatsächlich Betroffenen, etwa Lehrer, Erzieher oder Eltern, muss stärker stattfinden“, wünscht sich der Experte.

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