Thorsten Schäfer-Gümbel
Hessen: Ein „Strohmann“ als Strohhalm?

Am Ende ging doch alles gut. Kein Versprecher, kein Aussetzer, keine Aussage, die ihm bis zur Neuwahl in Hessen angelastet werden könnte. Aber Thorsten Schäfer-Gümbel, der als Nachfolger von Andrea Ypsilanti die hessische SPD in den Wahlkampf führen soll, wusste auch einen starken Unterstützer neben sich.

Im schwarzen Anzug steht er in der Parteizentrale neben seinem Vorsitzenden Franz Müntefering, als er sich in der Bundespolitik vorstellt. Das Hemd weiß, die Krawatte rot, hält der Spitzenkandidat die Hände mal vorn, dann hinter dem Rücken. Er schwitzt. Zwar überragt er Müntefering um einige Zentimeter, doch souverän wirkt allein der Hausherr.

Beide gucken ernst geradeaus. "Ich freue mich, dass Thorsten Schäfer-Gümbel heute da ist", sagt Müntefering. Nach Berlin bestellt hatte er ihn, damit das Präsidium ihn kennenlernt. Schäfer-Gümbel muss am 18. Januar dafür sorgen, dass es kein Wahldebakel gibt - eines wie vergangene Woche, als vier Abgeordnete kurz vor dem Ziel Ypsilanti die Stimme verweigerten und sie damit doch nicht Ministerpräsidentin von Gnaden der Linkspartei werden konnte.

Etwas verloren wirkt der Spitzenkandidat. Ein stellvertretender Vorsitzender der SPD Hessen-Süd fährt nicht alle Tage ins Machtzentrum der Partei. Bis Samstag noch kannten ihn in Berlin die wenigsten. Artig sagt er das, was Müntefering verkünden ließ: dass es mit ihm einen Generationswechsel gebe. Der 39-Jährige beerbt die 51-jährige Ypsilanti auf Geheiß des neuen und alten Parteivorsitzenden Müntefering, selbst 68 Jahre alt. So sehen Generationswechsel in der SPD aus.

"Die sozialdemokratischen Themen liegen auf der Straße", sagt Schäfer-Gümbel. Es gehe um Studiengebühren, um soziale Gerechtigkeit und um gute Arbeit. Auf Personalfragen, etwa wie es mit der Landesvorsitzenden Ypsilanti weitergehe oder ob die vier Abgeordneten aus der Partei ausgeschlossen werden sollen, wiegelt er ab: "Ich habe keine Zeit, mich um jede Kleinigkeit zu kümmern." Das alles sei Vergangenheit. Vorbei? Vergessen? Für die Landtagsfraktion gilt das nicht: Per Brief forderte sie gestern die Nein-Sager auf, nicht mehr an Sitzungen und Ausschüssen teilzunehmen. Die vier hätten sich von der Partei abgewandt, begründete Fraktionssprecher Frank Steibli das Vorgehen.

Nun bleiben bis zur hessischen Neuwahl 68 Tage. Personen sollen im Wahlkampf nicht im Vordergrund stehen. Schäfer-Gümbel soll Inhalte transportieren. Jetzt, in der Krise, ist alles denkbar - auch eine Koalition mit der CDU von Roland Koch.

Mehr als sein halbes Leben hat der Politikwissenschaftler Schäfer-Gümbel in der SPD verbracht, seit 2003 als Landtagsabgeordneter. Ihm vertraut Ypsilanti. Ihr "Strohmann" sei er, wettert die Union. Der dreifache Vater soll die Partei einen, die Vormacht der Parteilinken sichern und Ypsilantis Kurs vertreten. Sie selbst könne es nicht mehr. Ihr hafte der Makel des Wortbruchs an. Wie wahr.

Deshalb auch hilft die Bundespartei. "Ich habe darum gebeten", sagt Schäfer-Gümbel vor der Presse. Die Parteispitze werde im Wahlkampf auftreten, assistiert Müntefering - "außer am ersten und zweiten Weihnachtstag". Die Botschaft freut nach all den Horrortagen die Wahlkampfplaner in Wiesbaden: "Die Elefanten kommen nach Hessen", heißt es. Auch organisatorisch und finanziell wird Berlin helfen.

Die Lage ist längst zu ernst, als dass die Bundespartei wegen einer sturen Parteichefin Ypsilanti und ihres Linkskurses weiter wegschauen könnte. Im Gegenteil: Sie muss jetzt das Ruder übernehmen. Stürzt Hessen ab, demotiviert dies gleich zu Beginn des Superwahljahres die Genossen: Bundespräsidentenwahl, Europa-, Landtags- und Kommunalwahlen stehen 2009 an - und die Bundestagswahl. "Es ist keineswegs entschieden, wie es ausgehen wird", sagt Müntefering - und meint zunächst die Wahl in Hessen.

Dann gehen beide. Schäfer-Gümbel will das Atrium der Parteizentrale links verlassen, bis er merkt, dass der Ausgang rechts ist, und seinem Vorsitzenden folgt. An diesem Tag ist dies eine politische Botschaft.

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
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