Thüringen
Althaus: Sturz, Niederlage, Abgang

Unersetzbar schien der Kanzler-Vertraute Dieter Althaus für die Union zu sein. Ein wichtiger Impulsgeber und Vordenker der Partei, beispielsweise beim Thema bedingungsloses Grundeinkommen. Doch nun tritt Althaus zurück – letztlich machten eigene Fehler seinen Rücktritt unvermeidbar.

BERLIN. Ob sie an Rücktritt dächten, wurden die beiden Verlierer der Landtagswahlen vom Sonntag bei der Wahlnachlese in der CDU-Parteizentrale am Tag danach gefragt. „Nein“, sagte Peter Müller, der eben im Saarland 13 Prozentpunkte verloren hatte, kurz und bündig. Dieter Althaus hingegen setzte zu einer umständlichen Erklärung an, warum Thüringen jetzt Stabilität und trotz der CDU-Verluste von zwölf Prozentpunkten auch ihn noch brauche.

Am Montagabend ließ er sich von seiner Partei einstimmig Prokura für Koalitionsverhandlungen mit der SPD geben. Doch jetzt braucht Thüringen ihn nicht mehr. Letztlich war es die Summe eigener Fehler, die Althaus' Rücktritt als Regierungschef und CDU-Landesvorsitzender unvermeidlich machten.

Der Thüringer galt als engster Vertrauter der Kanzlerin unter den Ost-Ministerpräsidenten. In der CDU hatte sein Wort Gewicht, gerade in Zukunftsfragen wie der Debatte über ein Grundeinkommen statt Hartz IV war der ehemalige Mathematik- und Physiklehrer ein gefragter Impulsgeber. Unersetzbar schien er auch der Thüringer CDU, die während seiner monatelangen Genesung nach dem Skiunfall am Neujahrstag sich keine Grabenkämpfe leistete, sondern zu ihm hielt. Als Althaus Mitte April die Regierungsgeschäfte wieder aufnahm, war der Boden für den erst 51-Jährigen wieder bereitet. Nur: Althaus war nicht mehr derselbe.

„Warum sagen Sie nicht einfach, ich bin schuld?“ fragten ihn die Journalisten an jenem Apriltag mit Blick auf die bei dem Skiunfall getötete Frau. Es war der Tag, an dem Althaus zwar zeigte, dass er mit den Weltläuften und lokalen Gegebenheiten trotz seiner schweren Kopfverletzung wieder bestens vertraut war. Aber die fehlende Antwort auf die Frage nach seiner Schuld beschleunigte Althaus' politischen Niedergang.

In Interviews redete Althaus über die Folgen des Unfalls und die „neue Liebe“ zu seiner Frau. Was solle er machen, er antworte ja nur auf Fragen, sagte Althaus zu seiner Verteidigung. Ausgerechnet der gläubige Katholik, der seine politischen Gegner gebeten hatte, den Unfall im Wahlkampf nicht zu instrumentalisieren, ging mit Bildern, die seine Fitness beweisen sollten, auf Stimmenfang. Im Wahlkampf nahm er sich viel Zeit für die Menschen, setzte sich an Biertische, unterzeichnete Autogrammkarten im Sekundentakt. Nein, der Unfall spiele bei ihrer Wahlentscheidung keine Rolle, sagten die Menschen auf den Thüringer Marktplätzen. Doch nur wenige Bürger blieben länger neben „ihrem“ Ministerpräsidenten sitzen. Fast hatte es den Anschein, als wäre Althaus durch den Unfall unnahbar geworden.

Vor wenigen Wochen gab Althaus dem Handelsblatt im Thüringer Landtag ein Interview. Er saß auf der Terrasse und sprach eine halbe Stunde über seine Ideen für Opel in Eisenach und darüber, warum der Solidarzuschlag in ferner Zukunft abgeschafft werden sollte. Es waren kluge Gedanken, doch während des Dialogs schaute Althaus seinem Gegenüber nicht einmal eine Sekunde lang in die Augen. Starr ging sein Blick auf die Fassade des Landtags.

Am Ende des Interviews verabschiedet sich Althaus ohne Augenkontakt – und ohne Händedruck. Er wirkte beinahe roboterhaft.

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