Top-Ökonomen debattieren über die Flüchtlingskrise
„Nicht mehr Menschen, sondern Beitragszahler“

Die Zuwanderung der Flüchtlinge wird viel Geld kosten – darauf konnten sich sechs deutsche Top-Ökonomen einigen. Doch einige fürchten Konkurrenz um staatliche Leistungen, andere preisen die Effekte für den Arbeitsmarkt.

BerlinBeim Weihnachtsfest, am Abendbrottisch, in der U-Bahn und im Büro – derzeit gibt es kaum ein Thema, über das so viel geredet wird, wie über die Zuwanderung der Flüchtlinge. Und über kaum ein Thema gehen die Meinungen so auseinander. Auch die Diskussion von sechs Top-Ökonomen über Kosten und Nutzen der Zuwanderung in der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin am Mittwochabend fiel kontrovers aus.

Sechs ökonomische Schwergewicht und ein Bundeswirtschaftsminister: Marcel Fratzscher (DIW), Clemens Fuest (ZEW), Reint Gropp vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, Christoph Schmidt (RWI), Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut und Dennis J. Snower vom IfW diskutierten am Mittwochabend fast zwei Stunden lang – und auch Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) mischte sich ein.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darüber, dass es viel Geld kosten wird, die Flüchtlinge zu integrieren. „Alles braucht Zeit“, sagte RWI-Chef Schmidt. Die Menschen müssten die Sprache lernen und sich neue Qualifikationen aneignen. Das Ifo-Institut errechnete jüngst, dass die Integration der Flüchtlinge den deutschen Staat allein in diesem Jahr 21 Milliarden Euro kosten würde. Auf der anderen Seite verkündete am Mittwoch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), dass der Haushaltsüberschuss in Deutschland 2015 mit zwölf Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch sein wird, wie ursprünglich angenommen.

„Wir haben eine hervorragende Situation in den Staatskassen“, sagte DIW-Chef Fratzscher, „es ist keine Frage, dass wir die Kosten stemmen können“. Dennoch: „Es gibt wichtigere Dinge, als Schulden abzubauen. Die schwarze Null ist keine Heilige Kuh“. Auch Wirtschaftsminister Gabriel stellte den ausgeglichenen Haushalt zur Disposition. Die Einhaltung der schwarzen Null dürfe nicht dazu führen, die Integration und den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu gefährden.

„Die Kombination aus wachsenden Flüchtlingszahlen, der Ereignisse in Köln und die Terroranschläge sind eine brisante Mischung für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft“, sagte er. Am gefährlichsten sei der Satz: „Für Flüchtlinge macht ihr alles und uns sagt ihr immer, da haben wir kein Geld für.“

Auch Fratzscher warnte davor, Verteilungskämpfe „hochzustilisieren“. Einer, der seit Beginn der Flüchtlingskrise auf Verteilungskämpfe hinweist, ist Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts. Er betonte, dass die Leistungen für die Flüchtlinge von anderen wieder bezahlt werden müssten. ZEW-Chef Fuest pflichtete ihm bei: „Es entsteht eine Konkurrenz um Leistungen“.

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Sorge vor Überforderung Deutschlands

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