Trauer um Annemarie Renger
Erste Parlamentspräsidentin gestorben

Die erste Frau und erste Sozialdemokratin an der Spitze des Deutschen Bundestags, Annemarie Renger, ist tot. Bundespräsident Horst Köhler nannte Renger eine über alle Parteigrenzen hinweg geachtete „überragende Politikerin“.

HB BERLIN. Die SPD-Politikerin starb nach langer, schwerer Krankheit am Montag mit 88 Jahren in ihrem Haus in Oberwinter bei Bonn. Nach Angaben ihrer Familie lebte die SPD-Politikerin zuletzt in einer Klinik und wurde erst kurz vor ihrem Tod wieder nach Hause gebracht. Die Lebensleistung der früheren Bundestagspräsidentin wurde von allen Seiten gewürdigt.

Geboren wurde Renger am 7. Oktober 1919 in Leipzig. Bereits ihr Elternhaus war sozialdemokratisch. Ihr Vater war Stadtrat und Aktivist der Arbeitersportbewegung. Ihre Mutter war eines der ersten weiblichen Mitglieder der SPD. Nach dem Umzug der Familie nach Berlin absolvierte sie eine Verlagslehre und arbeitete als Stenotypistin. Im Zweiten Weltkrieg fielen nicht nur drei von vier Brüdern, sondern auch ihr erster Ehemann. Aus dieser Ehe stammt ihr einziger Sohn, der aber bereits 1998 starb.

Nach dem Krieg wurde Renger Privatsekretärin und dann auch Lebensgefährtin des ersten SPD-Nachkriegsvorsitzenden Kurt Schumacher. Nach dessen Tod 1952 ging sie selbst in die Politik. Die „Grande Dame“ der Sozialdemokraten gehörte 37 Jahre lang dem Bundestag an, von 1953 bis 1990. Zwischen 1972 und 1976, zu Zeiten der sozialliberalen Koalition, war Renger die erste Frau, die an der Spitze des Bundestags stand. Damals galt sie als bekannteste deutsche Politikerin überhaupt.

1979 trat Renger auch bei der Wahl des Bundespräsidenten an, verlor aber klar gegen den CDU/CSU-Kandidaten Karl Carstens. Erst mit der ersten gesamtdeutschen Wahl im Dezember 1990 ging ihre Zeit im Parlament dann zu Ende. Auch nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik war ihr die Aussöhnung mit Israel ein besonders Anliegen. Privat musste sie einige Schicksalschläge hinnehmen. Ihr zweiter Ehemann, ein früherer jugoslawischer Diplomat, verstarb bereits 1973.

Über die Parteigrenzen hinweg wurde Renger gewürdigt. Der SPD- Vorsitzende Kurt Beck nannte sie „eine der großen politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit“. „Sie hat Geschichte geschrieben.“ FDP-Chef Guido Westerwelle bezeichnete sie als „überzeugte Demokratin der ersten Stunde“. Der amtierende Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) erklärte: „Mit ihr haben wir eine bedeutende Parlamentarierin verloren, eine engagierte Demokratin, eine Abgeordnete mit Leib und Seele.“ Die ehemalige Parlamentspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) betonte, Renger sei „zugleich streitbar und ausgleichend“ gewesen.

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