Trauerfeier in Straßburg
Ein Abschied in größter Dimension

Europa hat sich von einem großen Europäer verabschiedet. Erst in Straßburg, dann in Ludwigshafen und abschließend in Speyer. Danach wurde der Altkanzler im engsten Kreis beerdigt. Ein langer, bewegter Tag.
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Straßburg/LudwigshafenDer große Politiker und Europäer wurde verabschiedet. Die aufwendige Zeremonie dauerte den gesamten Tag. Los ging es bereits um 6.45 Uhr – den Sarg bewegten Träger, Auto, Hubschrauber und Schiff. Es ging von Ludwigshafen nach Straßburg zum Europäischen Parlament, wo Kohls Sarg aufgebahrt wurde, dann via Helikopter und Schiff nach Speyer. Die abschließende Beisetzung fand ab 20.30 Uhr statt. Unsere Reporterin Anna Gauto war vor Ort.

Wer sich der Dimension dieses Traueraktes im Vorfeld nicht bewusst war, der begriff sie spätestens nach den Worten der Redner. Es war ein historischer Tag: Europa verabschiedete sich von einem seiner bedeutendsten Staatsmänner. Zum ersten Mal überhaupt wurde eine solche europäische Trauerzeremonie für einen Politiker abgehalten. Zahlreiche Repräsentanten aus aller Welt erwiesen Helmut Kohl am Samstag im Europäischen Parlament in Straßburg die letzte Ehre. Merkel, Juncker, Clinton und Co – sie alle sorgten für einen bewegenden Vormittag.

Am Nachmittag traf der Sarg mit dem Leichnam von Helmut Kohl in Speyer ein. Eskortiert von mehreren Polizeibooten legte das Schiff „Mainz“ am Samstagnachmittag am Rheinufer in unmittelbarer Nähe des Kaiserdoms an. Kurz zuvor hatten drei Hubschrauber der Bundespolizei die Anlegestelle in V-Formation überflogen. Ein achtköpfiges Ehrenbataillon der Bundeswehr trug den Sarg anschließend von Bord. Ein Leichenwagen brachte ihn in den Dom. Links und rechts der Straße standen zahlreiche Menschen Spalier, als der Konvoi vorbeifuhr.

Zuvor war die Kanzlerin als letzte Rednerin in Straßburg ans Pult getreten, ehe der Sarg hinausgetragen wurde. Neben großem Lob für Kohls Lebensleistung streute Angela Merkel auch Kritisches ein: „Viele haben sich an ihm gerieben, auch ich kann davon erzählen.“ Nicht immer sei es leicht gewesen, mit eigenen Argumenten durchzudringen, „manchmal war es schier unmöglich“, sagte sie.

Sie war auch die einzige am Rednerpult, die Kohls erste Ehefrau Hannelore Kohl würdigte. Diese hatte sich nach langer Krankheit das Leben genommen. Gern hätte man die Gedanken von Kohls Witwe Maike Kohl-Richter in dem Moment gelesen. Ihr werfen Wegbegleiter aus Politik und Familie vor, Kohls Beisetzung im Familiengrab neben seiner ersten Frau verhindert zu haben und seinen Nachlass zu usurpieren.

Zugleich würdigte Merkel Kohl auch als jemanden, auf den Verlass gewesen sei, der unterstützte. Ihr habe er 1992 geholfen, ihr Ministeramt nach einem schweren Beinbruch ausüben zu können. „Dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil“, sagt Merkel, die das Wort nun direkt an ihren einstigen Mentor richtete. „Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben.“

Dass zwischen der Witwe und der Kanzlerin Spannungen bestehen, wurde an einer Szene deutlich. Nach ihrer Rede ging Merkel anders als ihre Vorredner nicht zu Kohl-Richter, sondern setzte sich an ihren Platz. Dort bemerkte sie ihr Versäumnis, blickte kurz zur Witwe, stand wieder auf und lief hinüber. Unglücklicherweise unterhielt sich Kohl-Richter mit dem Sitznachbarn hinter ihr, als die Kanzlerin ankam. Merkel, auf der alle Augen ruhten, musste sie antippen, um ihr die Hand schütteln zu können und dann schnell wieder zurückzulaufen.

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