Trauma der Festung NRW ist nun Geschichte
Tränen und Technobässe

Nordrhein-Westfalen hat gewählt – und wie! Die Sozialdemokraten bekamen in ihrem einstigen Stammland eine deftige Abfuhr, der Abschied von der Macht fällt schwer. Jürgen Rüttgers schaffte es im zweiten Anlauf, Ministerpräsident zu werden. Jetzt schlägt seine Stunde.

HB DÜSSELDORF. Die Gewissheit, gewonnen zu haben, setzt bereits am frühen Sonntagnachmittag ein. Der engste Zirkel um CDU-Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers hat sich in der Geschäftsstelle des Landesverbandes versammelt und schaut ab 16 Uhr beinahe ungläubig auf die ersten Umfragewerte. Die CDU wird von mehreren Demoskopen bei 45 bis 46 Prozent gehandelt. „Das kann nicht sein“, entfährt es einem engen Berater. Einen so deutlichen Vorsprung traut sich die Union trotz klarer Wechselstimmung nicht zu, nicht in der ehemaligen Bastion der Sozialdemokraten.

Der überraschend früh so deutliche Trend bestätigt jedoch die Meinungsforscher, die seit fast drei Jahren eine historische Sensation voraussagen: das Ende der 39-jährigen SPD-Herrschaft in Nordrhein-Westfalen. Es ist so eindeutig, dass man bereits um kurz vor sechs Uhr im Festzelt der CDU zu jubeln beginnt. „Jür-gen, Jür-gen“ schallt es durch den Garten. Eigentlich wollte CDU-Generalsekretär Hans-Joachim Reck nur prominente Gäste begrüßen, doch es gerät zu einer vorzeigen Siegesfeier. „Wir werden heute einen historischen Tag erleben“, sagt Reck. Dann um 18 Uhr kommt die erste offizielle Prognose: Die CDU liegt mit 45 Prozent vor der SPD mit 37,5 Prozent.

Bei der CDU entlädt sich der Jubel in dem schwülen Zelt wie bei einem reinigenden Gewitter. „Jetzt geht’s los. Jetzt geht’s los.“ Die CDU-Mitglieder klatschen, schreien, und immer wieder „Jürgen, Jürgen“-Rufe. Einige tragen ein T-Shirt mit der Aufschrift: „22. Mai. Ich war dabei.“ Ein Wahlkämpfer hat Tränen in den Augen: „Das ist ein Traum.“ Rüttgers kommt zehn Minuten später. Lautes Getrommel kündigt ihn an, Technobässe wummern los.

Auf dem Fernsehbildschirm im Zelt sieht man den soeben entmachteten Ministerpräsidenten Peer Steinbrück (SPD). Er sagt im Landtag in Düsseldorf: „Es war eine bittere Wahlniederlage. Wir haben das Vertrauen der Bürger nicht bekommen.“ Doch keiner hört dem Unterlegenen mehr zu. Rüttgers dankt den Wahlhelfern für ihre Hilfe. Er sieht erleichtert aus nach dem siebenwöchigen, harten Wahlkampf.

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