0 Bewertungen
22.05.2006 
Report

Trendwende per Telefon

von Christoph Nesshöver

Im Kampf gegen ihren Mitgliederschwund setzt die Gewerkschaft IG BCE in Köln Telemarketing ein – mit Erfolg. Innerhalb von zwei Jahren haben fast 1 000 ihre Austritte zurückgenommen.

Mitglieder der IG BCE protestieren. Foto: dpaLupe

Mitglieder der IG BCE protestieren. Foto: dpa

KÖLN. Am 10. März hat Walter Lüsebrink genug von seiner Gewerkschaft. Er schreibt ihr einen Brief, den ersten Satz unterstreicht er: „Hiermit kündige ich meine Zugehörigkeit zur IG BCE zum 31.3.2006.“ Betriebsratschef beim Reifenhersteller Goodyear in Köln war Lüsebrink, Mitgliedsnummer 3052162. Gekämpft hat er jahrelang für Gewerkschaft und Kollegen. Nun will er nicht mehr.

Nur 1,9 Prozent mehr Geld bringe der neue Tarifvertrag, den die IG BCE verhandelt hat, schreibt Lüsebrink. Die Rente werde gekürzt, die Hartz-IV-Regelungen seien „wahnsinnig“, und ein Arbeiter müsse beim Zahnarzt für ein neues Gebiss 80 bis 100 Prozent der Kosten selbst tragen. „Das kann der Arbeiter nicht bezahlen“, schreibt der 61-Jährige zornig, „folglich hat er keine bzw. nicht alle Zähne.“ Und: „Hier höre ich wenig, wenig von der IG-BCE.“

Heute, zehn Wochen später, ist Lüsebrink immer noch Gewerkschaftsmitglied. Zur Geschichte des Meinungsumschwungs gehören die evangelische Kirche, eine kleine Kulturrevolution und eine gebürtige Österreicherin, die gern Karneval feiert.

Mitgliederschwund ist seit Jahren eines der größten Probleme der Gewerkschaften. Vergangenes Jahr verloren die acht im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) vereinten Gewerkschaften 234 000 Mitglieder. Bei der IG BCE waren es 21 733. Mit 6,8 Millionen hat der DGB so wenige Mitglieder wie seit 35 Jahren nicht. Auf dem DGB-Bundeskongress, der ab heute in Berlin tagt, steht der Kampf gegen die erzwungene Magerkur weit oben auf der Tagesordnung.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Es hat mich geschmerzt, so wenig tun zu können.“

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Blogkommentare zu diesem Artikel

weiterBildergalerien

zurück
  • Reif für die Senioren-Union? 60 Jah...

    Reif für die Senioren-Union? 60 Jahre Seehofer

    Als er als Ministerpräsident nach Bayern kam, schmiss er alle über 60-Jährigen aus dem Kabinett. Jetzt erreicht der bayrische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer selbst die magische Grenze. Doch das wird er durchstehen – wie er schon so manch...Bildergalerie 

  • G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, P...

    G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, Paläste

    G8-Gipfel sind nicht ohne Demonstranten denkbar. 1999 fand der letzte „normale“ Gipfel statt – in Köln. Seither igeln sich die Staatschefs an schwer zugänglichen Orten ein. Ein Rückblick.Bildergalerie 

  • Große Koalition: Bilanz mit Schönhe...

    Große Koalition: Bilanz mit Schönheitsfehlern

    Die Finanz- und Wirtschaftskrise bestimmt die Tagesordnung des Parlaments seit bald einem Jahr - und hat mit dazu beigetragen, dass die Große Koalition mehr Gesetze beschlossen hat als einst die Regierung von Kanzler Gerhard Schröder in der Legislaturperiode ...Bildergalerie 

vor

 

 

Vorhersage Deutschland

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kreditklemme: Berliner Drohkulisse  Artikel in Merkliste

05.07.2009, 16:32 Uhr von Donata Riedel

Die Drohgebärden aus berlin zeigen, dass sich die Regierung keineswegs sicher ist, bis zur Bildung der nächsten Regierung im Spätherbst genug für die Bankenstabilisierung getan zu haben. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Schweizer Eigentore  Artikel in Merkliste

03.07.2009 von Torsten Riecke

Die Schweiz hat ein echtes PR-Problem. Das Bild des Schweizer Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz, der sich dem deutschen Finanzminister Peer Steinbrück beugt, ist in Erinnerung geblieben. Es war nicht der letzte Fauxpas des Schweizers. Kommentar

Handelsblatt Marktplatz

Die Suchmaschine mit über 200.000 Angeboten der besten Jobbörsen und Zeitungen. Weiter