Im Kampf gegen ihren Mitgliederschwund setzt die Gewerkschaft IG BCE in Köln Telemarketing ein – mit Erfolg. Innerhalb von zwei Jahren haben fast 1 000 ihre Austritte zurückgenommen.
KÖLN. Am 10. März hat Walter Lüsebrink genug von seiner Gewerkschaft. Er schreibt ihr einen Brief, den ersten Satz unterstreicht er: „Hiermit kündige ich meine Zugehörigkeit zur IG BCE zum 31.3.2006.“ Betriebsratschef beim Reifenhersteller Goodyear in Köln war Lüsebrink, Mitgliedsnummer 3052162. Gekämpft hat er jahrelang für Gewerkschaft und Kollegen. Nun will er nicht mehr.
Nur 1,9 Prozent mehr Geld bringe der neue Tarifvertrag, den die IG BCE verhandelt hat, schreibt Lüsebrink. Die Rente werde gekürzt, die Hartz-IV-Regelungen seien „wahnsinnig“, und ein Arbeiter müsse beim Zahnarzt für ein neues Gebiss 80 bis 100 Prozent der Kosten selbst tragen. „Das kann der Arbeiter nicht bezahlen“, schreibt der 61-Jährige zornig, „folglich hat er keine bzw. nicht alle Zähne.“ Und: „Hier höre ich wenig, wenig von der IG-BCE.“
Heute, zehn Wochen später, ist Lüsebrink immer noch Gewerkschaftsmitglied. Zur Geschichte des Meinungsumschwungs gehören die evangelische Kirche, eine kleine Kulturrevolution und eine gebürtige Österreicherin, die gern Karneval feiert.
Mitgliederschwund ist seit Jahren eines der größten Probleme der Gewerkschaften. Vergangenes Jahr verloren die acht im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) vereinten Gewerkschaften 234 000 Mitglieder. Bei der IG BCE waren es 21 733. Mit 6,8 Millionen hat der DGB so wenige Mitglieder wie seit 35 Jahren nicht. Auf dem DGB-Bundeskongress, der ab heute in Berlin tagt, steht der Kampf gegen die erzwungene Magerkur weit oben auf der Tagesordnung.
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Grund für viele Austritte: Die Arbeitnehmervertreter sind in der Defensive, haben keine Lösungen im Umgang mit Strukturwandel und Globalisierung. Walter Lüsebrink erzählt, wie bei Goodyear die Löhne nach der Fusion 1999 mit dem Konkurrenten Dunlop gedrückt worden seien, wie die „Gewinne immer nach Amerika“ zu den Eignern „geschickt wurden“. „Es hat mich geschmerzt, so wenig tun zu können“, sagt er.
Gewerkschaften müssten „stärker ran an die Menschen“, sagt Dietmar Hexel. Er koordiniert das „Projekt Trendwende“ im DGB-Vorstand und stellt auf dem Bundeskongress dessen Ideen vor. Geplant seien etwa Gewerkschaftsbüros in Fußgängerzonen und Universitäten, heißt es. Bereits bewährt hat sich aber eine ganz andere Methode. Im IG BCE-Bezirk Köln-Bonn mit 27 000 Mitgliedern haben in zwei Jahren fast 1 000 Gewerkschafter ihre Austritte zurückgenommen. Netto konnte die IG BCE im Herzen des mit 165 Betrieben größten Chemiestandorts Europas ihre Mitgliederzahl 2005 sogar leicht steigern. Geschafft haben die Trendwende jene Österreicherin und ihr Telefon. Vor zehn Jahren kam Andrea Heinen-Capellari aus der Steiermark ins Rheinland – der Liebe wegen. Den Karneval hat sie „nach zwei, drei Jahren“ lieben gelernt. Nun sitzt die 32-Jährige im zweiten Stock des DGB-Gebäudes am Hans-Böckler-Platz in Köln und spricht von Telemarketing.
„Wir wollen mehr sein als eine Gewerkschaft“, sagt Heinen-Capellari. „Unser Motto lautet: Es gibt keinen Grund, dass einer nicht in der Gewerkschaft ist.“ Ein „Dienstleister“ müsse die IG BCE sein. Dafür sei „Beziehungsoptimierung“ nötig. Dann erläutert sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Ulla Steinbach ihr Marketingkonzept auf bunten Powerpoint-Ausdrucken. Es ist so, als hätte sich die IG BCE im Bezirk Köln eine eigene Werbeagentur zugelegt.
Erste Regel für Heinen-Capellari: Tempo, Tempo. Sechs Wochen beträgt die Kündigungsfrist. „In dieser Zeit müssen wir dem Kollegen das Gefühl geben, das wir seine Bedenken ernst nehmen“, sagt sie.
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Walter Lüsebrinks Kündigungsbrief trifft am 13. März ein – schon am nächsten Tag geht die Antwort raus: Kein standardisierter Bedauerbrief, sondern ein zweiseitiges Schreiben, das auf jeden seiner Bedenken behutsam eingeht – und die Verdienste der IG BCE höflich in Erinnerung ruft: „Zum Thema Hartz IV: Richtig ist, die Arbeitsagenturen machen zurzeit viele Fehler, die wir für unsere Mitglieder per Widerspruchsverfahren korrigieren.“ „100 Prozent“ aller Widersprüche der IG BCE sei bis-her stattgegeben worden.
Ein paar Tage nach dem persönlichen Brief ruft Heinen-Capellari die Austrittswilligen an, fragt nach, hört zu, bietet Rat. „Durch den persönlichen Kontakt bekommt jedes Mitglied ein Gesicht“, sagt sie. Und für das Mitglied bekommt die Gewerkschaft ein Gesicht – und eine nette Stimme mit einem alpinen Hauch. Erste Versuche mit Telemarketing hat die IG BCE – nach IG Metall und Verdi mit knapp 750 000 Mitgliedern die drittgrößte DGB-Gewerkschaft – vor sechs Jahren unternommen, erzählt Bezirksleiter Wolfgang Blossey, der das Projekt angestoßen hat. Vorbild war die evangelische Kirche in Niedersachsen, die so auf die wachsende Zahl der Austritte reagierte.
Manchem alten Kämpen ist die neue Strategie zunächst zuwider. Blossey bekommt empörte Sätze zu hören wie: „Wir sind doch keine Versicherungsvertreter!“ Das Umwerben der Mitglieder ist eine kleine Kulturrevolution für die Traditionsgewerkschaft – eine Funktionärs- wird zu einer Mitgliederorganisation.
„Im Mittelpunkt steht bei uns der Mensch, das Mitglied als unser wichtigster ,Kunde’“, sagt Bezirksleiter Blossey und klingt fast wie ein Werbeprofi. „Wir im Bezirk Köln-Bonn lassen uns von den drei ,M’ leiten: Mitgliederpflege, Mitgliederrückgewinnung und Mitgliederwerbung.“ Und rechnen muss es sich natürlich auch. Der Job von Andrea Heinen-Capellari ist sicher, solange sie genügend Austritte verhindert. 51 000 Euro an Mitgliederbeiträgen hat sie dem Bezirk bisher schon gesichert.
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Telemarketing ist nur ein Teil ihrer Charme-Strategie. Heinen-Capellari organisiert auch Schulungen für Betriebsräte und Vertrauensleute, damit diese lernen, auf enttäuschte Mitglieder besser einzugehen: „Am besten funktioniert der Kontakt von Kollege zu Kollege im Betrieb“, sagt sie.
Wie schwer es Gewerkschafter haben, sich zu rechtfertigen, erzählen Betriebsräte der IG BCE in einem Arbeitskreis, mit dem Heinen-Capellari ihre Mitgliederoffensive in die Betriebe trägt. „Die Kollegen bezahlen Beitrag, und dafür wollen sie was sehen!“ sagt einer. „Bei uns in der Betriebsversammlung stehen 200 Leute auf, wenn der Gewerkschaftssekretär zu reden beginnt“, sagt ein anderer. „Die sagen: Der Willi war in der Gewerkschaft und ist entlassen worden. Warum soll ich drin bleiben?“
Walter Lüsebrink hat sich dennoch überzeugen lassen. Als Rentner muss er bald nur noch fünf bis sechs Euro monatlich zahlen statt 30. Und da ist die Altersteilzeit, die ihm nun mehr Zeit lässt für sein 125er-Motorrad, den Chor und den Garten daheim in Euskirchen. Die Altersteilzeit hat, wie ihm die IG BCE noch mal in Erinnerung gebracht hat, die Gewerkschaft durchgesetzt. Am 21. März hat Lüsebrink seinen Austrittsantrag zurückgezogen – telefonisch.

