Grund für viele Austritte: Die Arbeitnehmervertreter sind in der Defensive, haben keine Lösungen im Umgang mit Strukturwandel und Globalisierung. Walter Lüsebrink erzählt, wie bei Goodyear die Löhne nach der Fusion 1999 mit dem Konkurrenten Dunlop gedrückt worden seien, wie die „Gewinne immer nach Amerika“ zu den Eignern „geschickt wurden“. „Es hat mich geschmerzt, so wenig tun zu können“, sagt er.
Gewerkschaften müssten „stärker ran an die Menschen“, sagt Dietmar Hexel. Er koordiniert das „Projekt Trendwende“ im DGB-Vorstand und stellt auf dem Bundeskongress dessen Ideen vor. Geplant seien etwa Gewerkschaftsbüros in Fußgängerzonen und Universitäten, heißt es. Bereits bewährt hat sich aber eine ganz andere Methode. Im IG BCE-Bezirk Köln-Bonn mit 27 000 Mitgliedern haben in zwei Jahren fast 1 000 Gewerkschafter ihre Austritte zurückgenommen. Netto konnte die IG BCE im Herzen des mit 165 Betrieben größten Chemiestandorts Europas ihre Mitgliederzahl 2005 sogar leicht steigern. Geschafft haben die Trendwende jene Österreicherin und ihr Telefon. Vor zehn Jahren kam Andrea Heinen-Capellari aus der Steiermark ins Rheinland – der Liebe wegen. Den Karneval hat sie „nach zwei, drei Jahren“ lieben gelernt. Nun sitzt die 32-Jährige im zweiten Stock des DGB-Gebäudes am Hans-Böckler-Platz in Köln und spricht von Telemarketing.
„Wir wollen mehr sein als eine Gewerkschaft“, sagt Heinen-Capellari. „Unser Motto lautet: Es gibt keinen Grund, dass einer nicht in der Gewerkschaft ist.“ Ein „Dienstleister“ müsse die IG BCE sein. Dafür sei „Beziehungsoptimierung“ nötig. Dann erläutert sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Ulla Steinbach ihr Marketingkonzept auf bunten Powerpoint-Ausdrucken. Es ist so, als hätte sich die IG BCE im Bezirk Köln eine eigene Werbeagentur zugelegt.
Erste Regel für Heinen-Capellari: Tempo, Tempo. Sechs Wochen beträgt die Kündigungsfrist. „In dieser Zeit müssen wir dem Kollegen das Gefühl geben, das wir seine Bedenken ernst nehmen“, sagt sie.
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