Walter Lüsebrinks Kündigungsbrief trifft am 13. März ein – schon am nächsten Tag geht die Antwort raus: Kein standardisierter Bedauerbrief, sondern ein zweiseitiges Schreiben, das auf jeden seiner Bedenken behutsam eingeht – und die Verdienste der IG BCE höflich in Erinnerung ruft: „Zum Thema Hartz IV: Richtig ist, die Arbeitsagenturen machen zurzeit viele Fehler, die wir für unsere Mitglieder per Widerspruchsverfahren korrigieren.“ „100 Prozent“ aller Widersprüche der IG BCE sei bis-her stattgegeben worden.
Ein paar Tage nach dem persönlichen Brief ruft Heinen-Capellari die Austrittswilligen an, fragt nach, hört zu, bietet Rat. „Durch den persönlichen Kontakt bekommt jedes Mitglied ein Gesicht“, sagt sie. Und für das Mitglied bekommt die Gewerkschaft ein Gesicht – und eine nette Stimme mit einem alpinen Hauch. Erste Versuche mit Telemarketing hat die IG BCE – nach IG Metall und Verdi mit knapp 750 000 Mitgliedern die drittgrößte DGB-Gewerkschaft – vor sechs Jahren unternommen, erzählt Bezirksleiter Wolfgang Blossey, der das Projekt angestoßen hat. Vorbild war die evangelische Kirche in Niedersachsen, die so auf die wachsende Zahl der Austritte reagierte.
Manchem alten Kämpen ist die neue Strategie zunächst zuwider. Blossey bekommt empörte Sätze zu hören wie: „Wir sind doch keine Versicherungsvertreter!“ Das Umwerben der Mitglieder ist eine kleine Kulturrevolution für die Traditionsgewerkschaft – eine Funktionärs- wird zu einer Mitgliederorganisation.
„Im Mittelpunkt steht bei uns der Mensch, das Mitglied als unser wichtigster ,Kunde’“, sagt Bezirksleiter Blossey und klingt fast wie ein Werbeprofi. „Wir im Bezirk Köln-Bonn lassen uns von den drei ,M’ leiten: Mitgliederpflege, Mitgliederrückgewinnung und Mitgliederwerbung.“ Und rechnen muss es sich natürlich auch. Der Job von Andrea Heinen-Capellari ist sicher, solange sie genügend Austritte verhindert. 51 000 Euro an Mitgliederbeiträgen hat sie dem Bezirk bisher schon gesichert.
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