Trotz mäßiger Ergebnisse
Die SPD lacht sich in Trance

Mit dem Gongschlag 18 Uhr starren die Genossen im Atrium des Willy-Brandt-Hauses gebannt auf die Monitore und nehmen doch nicht wahr, welche Zahlen die ersten Prognosen für sie bereithalten: 26 hier, 19 dort und 10 da, lauten sie. Die einst so stolze Volkspartei hat im Saarland ihr schlechtestes Wahlergebnis seit den 50er-Jahren eingefahren, in Thüringen hat sie nur wenige Prozentpunkte zugelegt und in Sachsen sogar weniger Stimmen als die FDP.

BERLIN. Doch diese Zahlen interessieren in diesem Moment niemanden. Die CDU hat kräftig Stimmen in den Ländern verloren. Die 200 Gäste klatschen, als sie es mit eigenen Augen sehen. Als die Moderatorin bei den Prognosen für das Saarland sagt: "Keine Mehrheit für Schwarz-Gelb", jubeln die Genossen. Sie haben es geschafft.

Seit Monaten geht es um nichts anderes mehr, als eine Koalition von Union und FDP nach der Bundestagswahl zu verhindern. Nun kann die SPD mit dem dritten Platz in Thüringen und dem zweiten Platz im Saarland gemeinsam mit der Linkspartei die Macht übernehmen.

Eine Viertelstunde später merken die Genossen, dass sie nicht so stark sind, um an diesem Abend noch ein Fass aufmachen zu können. Zwar ist ein Debakel wie bei der Europawahl im Juni ausgeblieben. Da lag die SPD in den Umfragen bei 25 bis 28 Prozent, am Ende erreichte sie nur deprimierende 21,5 Prozent; die Parteispitze war daraufhin mehrere Tage sprachlos. Aber die Zahlen an diesem Abend lassen offen, wer künftig im Saarland und in Thüringen regiert. Die Grünen an der Saar liebäugeln mit Jamaika (CDU, FDP, Grüne), die SPD in Erfurt besteht darauf, den Ministerpräsidenten zu stellen. Die Volkspartei heißt hier aber Linke, nicht SPD, und wird nicht kampflos auf die Chance verzichten, zum ersten Mal einen Landeschef zu stellen.

Franz Müntefering tritt auf die Bühne - nach langer Zeit mal wieder gemeinsam mit dem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. "Unser Land kann mehr", steht hinter ihnen an der Wand. Die Genossen klatschen, immer lauter, lachen sich in Trance. "Die Botschaft scheint verstanden", ruft Steinmeier in den Saal.

In der Tat, es geht um die richtige Deutung an diesem Abend. Denn mit den Ergebnissen ist kein Aufbruch verbunden und noch längst nicht entschieden, ob die SPD nach dem 27. September noch im Bund mitregieren kann. "Eins ist sicher: Schwarz-Gelb ist nicht gewollt in diesem Land", ruft Steinmeier. "Ich bin stolz auf meine SPD", sagt er später. Da klatschen sie pathetisch.

Müntefering hört derweil zu und bewegt seinen Mund, als lutsche er ein Bonbon. Dann redet er über die Verluste der Union, denn darum geht es ihm heute Abend. "So ergeht es Leuten, die keinen Wahlkampf machen wollen", sagt er. Seit Wochen versucht die SPD, die Union herauszufordern. "Ich bin sicher, Frau Merkel ist ganz nachdenklich heute Abend", sagt er und erntet freudiges Gelächter.

Einige versuchen sich mit "Jetzt geht's los!"-Gesängen, doch die Welle will nicht so recht starten. Dabei sollte dieser Wahlabend nicht nur die Chance aufzeigen, die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat aufzuheben. Vor allem will die Partei an diesem Abend Kraft schöpfen für die letzten Wochen bis zur Bundestagswahl. Es soll so werden wie 2005, als sich die SPD in schier aussichtsloser Lage doch noch in die Große Koalition retten konnte. "Wir werden kämpfen, weil dieses Land eine starke SPD braucht", sagt Steinmeier. Auf den Stehtischen im Willy-Brandt-Haus liegen die dazugehörigen Wahlkampfutensilien: ein Schlüsselanhänger mit der Aufschrift: "Kanzleramtsschlüssel", ein roter Armreif, auf dem "Lebendig. Einig. Mutig" steht, sowie ein Anstecker mit einem schwarzen "SPD-Terrier".

"Morgen geht's los", sagt Müntefering. Am heutigen Montag wird die Partei offiziell ihren Bundestagswahlkampf eröffnen. Nach den Gremiensitzungen, an denen auch Heiko Maas und Christoph Matschie teilnehmen werden, reist die Parteiführung nach Hannover. Auf einer Großkundgebung in der Innenstadt wird Steinmeier eine Rede halten. Mit dabei wird auch sein Wahlkampfteam sein - und Gerhard Schröder. Er soll in der ersten Reihe sitzen. Insgesamt erwartet die Partei mehrere Tausend Zuschauer. Danach wird die SPD privat weiterfeiern. "After-Show-Party" haben sie die Feier, das Event, genannt. So soll sie auch am Abend der Bundestagswahl heißen. "In vier Wochen sehen wir uns wieder", sagt Müntefering. "Und freuen uns."

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
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