Türken in Deutschland
Zuwanderer mit gespaltener Identität

Die Brandkatastrophe von Ludwigshafen überschattet den ohnehin schon schwierigen Deutschland-Besuch des türkischen Regierungschefs Tayip Erdogan. Neben dem entschiedenen Nein von Angela Merkel zum Türkei-Beitritt gibt es zahlreiche weitere Probleme, die das deutsch-türkische Verhältnis trüben.



ISTANBUL. Der seit langem geplante Deutschland-Besuch des türkischen Regierungschefs Tayyip Erdogan begann am Donnerstag mit einem kurzfristig ins Protokoll aufgenommenen Ortstermin: Erdogan eilte in Ludwigshafen zu dem ausgebrannten Haus, in dem am Sonntag neun Menschen ums Leben kamen. Die Tragödie überschattet eine ohnehin schon schwierige Visite. Denn zum einen ist Kanzlerin Angela Merkel neben dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy die entschiedenste Gegnerin eines türkischen EU-Beitritts. Zum anderen gibt es auch im deutsch-türkischen Verhältnis zahlreiche Probleme – beispielsweise die Kontroverse über Moschee-Projekte der staatlichen türkischen Religionsbehörde in deutschen Städten und die Praxis der Visa-Vergabe, die viele türkische Unternehmer als zu restriktiv kritisieren.

In keiner Kontroverse aber bündeln sich die bilateralen Probleme so wie im Streit über die doppelte Staatsangehörigkeit. Die geltenden deutschen Gesetze verlangen von Volljährigen eine Entscheidung für die eine oder die andere Staatsangehörigkeit. Viele Türken wollen aber den deutschen Pass, ohne den türkischen aufgeben zu müssen. Der Konflikt symbolisiert die gespaltene Identität vieler türkischer Zuwanderer: Sie bleiben zeitlebens Wanderer zwischen zwei Welten. Vertieft wird dieser Zwiespalt durch den Zielkonflikt der Türkei: Auch 85 Jahre nach Gründung der modernen Republik ringt das Land immer noch um seine Identität, ist hin- und hergerissen zwischen osmanisch-islamischen Traditionen und der vom Staatsgründer Kemal Atatürk postulierten Westorientierung.

Beispielhaft zeigt sich dieser Widerstreit in der Debatte um das Kopftuch, über dessen Zulassung an den Universitäten das türkische Parlament morgen abschließend abstimmen wird. Der Identitätskonflikt strahlt auch ins türkisch-deutsche Verhältnis aus – ein Verhältnis, das nicht zuletzt deshalb so schwierig ist, weil hier Emotionen eine große Rolle spielen. Das belegen die Hetz- und Hasstiraden einiger türkischer Medien angesichts der Ludwigshafener Brandkatastrophe. Gleichzeitig empfinden viele Türken Kritik von Deutschen schnell als verletzend, Ratschläge werden als unzulässige Einmischung empfunden. Das zeigte sich nicht zuletzt in der Debatte um das Zuwanderungsgesetz.

Die Forderung, dass nachziehende Ehepartner minimale Deutschkenntnisse mitbringen müssen, hat nicht nur die türkische Presse, sondern auch Regierungschef Erdogan als „rassistisch“ zurückgewiesen. Wie ambivalent das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen ist, wie schnell die Stimmung kippen kann, das bekam in dieser Woche auch Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) bei seinem Türkei-Besuch mit: Die Istanbuler Gazetten waren gespickt mit Hakenkreuz-Illustrationen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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