TV-Kritik Anne Will
Die Blender-Talkshow - wie weit kommt fade?

Es sollte ein Kreuzverhör für den des Plagiats verdächtigten FDP-Politiker Chatzimarkakis und eine spannende Abrechnung mit den Blendern dieser Republik werden. Doch dann kam bei der Talkshow Anne Will alles anders.
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BerlinEs gibt in der Flut der Talkshows Sendungen, in denen über scheinbar langweilige Themen dann doch recht interessante Diskussionen geführt werden. Und es gibt das Gegenteil. Anne Will hat in ihrer vorletzten Sonntagstalkshow für letzteres ein Paradebeispiel hingelegt.

Die Ausgabe gestern hatte unter dem Titel "Die Blender-Republik – wie weit kommt frech?" den FDP-Europaparlamentarier Jorgo Chatzimarkakis ins Kreuzfeuer geladen, der für seine Doktorarbeit aus dem Jahr 2000 seit ein paar Wochen von der Internet-Plattform "VroniPlag" des Plagiats bezichtigt wird. Mitte Juli will die Uni Bonn ihr Urteil über seinen Titel fällen, in der ARD setze der eloquente Deutsch-Grieche nun zu einer offensiven Verteidigung an: Lediglich eine "Methodenschwäche" seiner Arbeit gab er zu und blieb ansonsten bei seiner Strategie, sich beim Studium in Oxford für eine flottere Zitierweise als das in Deutschland übliche, komplizierte Zitieren mit Einrücken und An- und Abführung begeistert zu haben. Ans Prinzip "keine Stelle ohne Quelle" habe er sich aber gehalten. "Ein Zitat ist erst dann eines, wenn es einen Anfang und ein Ende hat", sagte dagegen Anke Domscheit-Berg, die ehemalige Microsoft-Managerin und "überzeugte Internetanhängerin" (Will).

Damit waren die Positionen abgesteckt. Und damit war leider der Erkenntniswert der Show schon ausgeschöpft.

Von nun an hagelte es Zitate, die oft von dritter oder ohnehin anonymer Seite kamen. Zwar schien Domscheit-Berg als "VroniPlag"-Sympathisantin ("Menschen, die den Wissenschaftsstandort Deutschland verteidigen") über Insiderinformationen zu den grundsätzlich namenlosen Machern zu verfügen, doch stellte deren Abwesenheit ein Kernproblem der Sendung dar. Es wurde ferner ein wenig ein Autor der FAZ zitiert, der sich von Chatzimarkakis geschädigt fühlt und sich nicht nur kürzlich wütend in der FAZ dazu geäußert, sondern auch am Wochenende noch den gestrigen Talkshowgast Michael Spreng angeschrieben hatte (und dabei von "Täter" und "Opfer" sprach). Bei "VroniPlag" wiederum hätte jemand Politiker als "Krankheitserreger" bezeichnete, behauptete der FDP-Mann nebulös. Um noch mehr Öl ins bewährte Feuer der Fernsehdebatte rund um Internetthemen zu gießen, schickte Will einen Einspieler zur Guttenberg-Causa hinterher, für den böse Zeitungskommentare und anonyme Guttenberg-Beschimpfungen in Facebook und Youtube-Kommentaren abgefilmt wurden. "Im Netz fallen alle Hemmungen", behauptete der Off-Sprecher.

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  • Ich finde es auch unfassbar, ich selbst habe zwar "nur" einen Fachhochschulabschluss aber auch für den mussten mehrere wissenschaftliche Arbeiten angefertigt werden und selbstverständlich waren Erkenntnisse anderer als eben solche zweifelsfrei kenntlich zu machen.
    Ich kann die Dummheit der Politiker die ganz offensichtlich durch den Dr. Titel zusätzliche Stimmen einfangen oder weitere Türen öffenen wollen, nicht nachvollziehen. Weshalb erkaufen sie sich nicht mittels Spenden an Unis einen Dr. h.c., dass wäre nicht nur ökonomischer sondern würde auch viele Blamagen ersparen.

  • "Man muß sich fragen in welchem Zustand sich diese Fakultät befindet um diesen gravierenden formalen Mangel mit einem Doktortitel zu belohnen. "

    Ich frage mich so langsam, ob man nicht der Philosophischen Fakultät in Bonn die Promotionsrechte entziehen sollte. Die wissenschaftliche Qualität dieser Fakultät scheint ja katastrophal zu sein.
    Wie Mathiopoulos zeigt, hat gravierende Schlamperei dort schon eine lange Geschichte.

  • Chatzimarkakis dürfte dem "akademisch gebildeten" Teil der Zuschauer deutlich vor Augen geführt haben, dass er weder intellektuell nach methodisch in der Lage zu sein scheint eine Doktorarbeit zu verfassen. Denn er hat sich der Diskussion nicht gestellt, er führte sich selbst vor in dem er sich auf Positionen hinsichtlich seiner Zitierweise versteifte, die schlichtweg erschreckend waren.

    Es darf nicht sein, dass man mit solch gravierenden methodischen Fehlern einen Doktortitel verliehen bekommt. Formal richtiges Zitieren ist die Grundvoraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten. Wer dessen trotz besseren Wissens nicht mächtig ist sollte, keine wissenschaftliche Arbeit verfassen.
    Fehlt diese Einsicht in die Notwendigkeit so scheint es auch an dem notwendigen Intellekt zu fehlen.

    Man muß sich fragen in welchem Zustand sich diese Fakultät befindet um diesen gravierenden formalen Mangel mit einem Doktortitel zu belohnen. (Wenn auch "nur" mit Rite, was eigentlich schon einer "akademischen" Ohrfeige gleichkommt)

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