TV-Kritik Anne Will
„Es wäre gut, wenn die GDL scheitern würde“

Anne Will hatte zum Streik-Gipfel geladen: Den nutzten GDL-Chef Claus Weselsky und Cockpit-Chef Ilja Schulz, um auf ihren Positionen zu beharren. Die Interessen der Reisenden scherten dabei niemanden.  
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BerlinSo viele Flüchtlinge wie nie, IS-Terror, Ebola-Epidemie oder die Wirtschaftslage in Europa: Zurzeit gibt es überdurchschnittlich viele ernste Krisen. Topthema für viele Deutsche sind seit Wochen aber Streiks, mit denen kleine Gewerkschaften an Schlüsselpositionen der Infrastrukturen für Ziele eintreten, von denen die meisten Arbeitnehmer – solche etwa, die in sozialen Berufen arbeiten – kaum träumen würden.

Anne Will hatte in ihrer Talkshow am Mittwochabend die beiden Streikführer im „Pingpongstreik“ von Deutscher Bahn und Lufthansa zu Gast: Claus Weselsky von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und Ilja Schulz von der Piloten-Vereinigung Cockpit.

Die Diskussion drehte sich eng in kleinen Kreisen und hat kaum dazu geführt, dass sich gegnerischen Positionen angenähert hätten. Die Spartengewerkschafts-Chefs, die mit kampferprobt eingefrorenem Lächeln im Studio saßen, dürften ihre bisherigen Anhänger zufrieden gestellt haben; beide hatten viele Zahlen und Beispiele parat, um ihre Argumentationen zu unterstützen. Neues Verständnis bei Reisenden, die unter den gehäuften Streiks leiden, dürften sie kaum gewonnen haben. Anlass zu Optimismus, dass mit den Streiks bald Schluss sein wird, gab es auch nicht. Erhellend war die Diskussion aber doch.

Der GDL-Bundesvorsitzende, der vor anderthalb Wochen schon bei Frank Plasberg diskutiert hatte, äußerte in langen Bögen „zunehmende Frustration“ über Anfeindungen in der Öffentlichkeit und berief sich wiederholt aufs Grundgesetz, das er in Form eines Minibuchs auch mitgebracht hatte.

Zur Crux kam er nach etwa einer Stunde: „Alle Verkehrsmittel müssen nicht immer allen zur Verfügung stehen“, sagte Weselsky da. Das habe „die Politik“ 1993 entschieden, als sie die Privatisierung der Deutschen Bahn und Entbeamtung der Lokführer beschloss: „Daseinsvorsorge im Verkehrsmittel Eisenbahn gibt's nicht mehr.“

„Der Verkehrssektor gehört nicht zur Grundversorgung“, pflichtete Schulz Weselsky bei. Seine steile These, es sei an jedem Tag „völlig problemlos“ möglich gewesen, „von jedem Ort A zu jedem Ort B in Deutschland zu kommen“, illustrierte, wie weit sich die Piloten von der Lebensrealität vieler Bürger entfernt haben. Fehlte eigentlich noch der Hinweis, dass Flug- und Bahnstreiks ja der für Deutschland so wichtigen Automobilindustrie nutzen würden.

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  • Erstens: Am vergangenen Wochenend traf es 3 Bekannte: Einen Professor der Fernuniversität, zu dessen Präsenz-Seminar nur 18 von 25 Teilnehmern kamen, weil 7 befürchten mussten, am Montag nicht rechtzeitig an ihre Arbeitsplätze zu kommen. Einen Großvater, der mit seinem kleinen Enkel in Köln strandete und erst 7 Stunden später am Ziel war. Eine Schauspielerin, die einen hohen Preis dafür zahlen musste, dass sie zu Endproben rechtzeitig in Bremen eintraf. Alle, die der Streik der Lokführer traf, gehören nicht zu denen, die anstelle der Bahnfahrt mangels Führerschein ein Auto benutzen oder locker ein Taxi bezahlen können.

    Zweitens: Würde man die die Aktivitäten von Cockpit und Lokführer-Gewerkschaft personalisieren, so erfüllten die Herren Schulz und Weselsky Straftatbestände wie Freiheitsberaubung (Einsperren von Fluggästen in den Transitbereich), Erpressung, Nötigung. Als Gruppe ist jedoch ihr Handeln von "unserer" Verfassung gedeckt.

    Drittes: Materialisiert man Wartezeiten und Ersatzmaßnahmen der Reisenden, so beträgt die Summe aller Folgekosten der Streiks ein Vielfaches der Verluste von Lufthansa und Bahn. War davon in der Diskussion bei Anne Will die Rede? Leider musste ich abschalten, weil ich die Herren Schulz und Weselsky, den sanften Umgang mit ihnen und die lächelnde Frau Will nicht mehr ertragen konnte.

    Viertens: Was tut der Verkehrsminister? Er appelliert nahezu weinerlich an die jeweiligen Tarif-Parteien. Wo bleiben die "Volksvertreter"? Sie ergötzen sich an hochbrisanten Themen wie die Frauenquote. Es wird Zeit, sie daran zu erinnern, wer das Volk ist, das sie vertreten sollen. Und laut Ex-Verfassungsrichter Di Fabio könnten Verfassungs-Änderungen nur gerechtfertigt werden, wenn das Gemeinwohl gefährdet wäre. Ich denke, man sollte Minister, Volksvertreter und Verfassungsrichter zusammen für 24 Stunden in den Transitraum des Frankfurter Flughafens einsperren - Feldbetten sind genügend vorhanden -, um über Gemeinwohl nachzudenken.

  • Es wurde der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Die Lokführer sind nicht mehr Beamte, aber es gibt noch keinen nennenswerten Wettbewerb auf der Schiene. Und das, weil die Bahn weiterhin Netz und Züge gemeinsam betreibt und so quersubventionieren kann. Schienennetz und Zugbetrieb gehören sauber getrennt - sagt auch die EU-Kommision - und dann klappt es auch mit dem Wettbewerb. Dann steht auch nicht der gesamte Zugverkehr still, wenn bei einem von mehreren Wettbewerbern gestriekt wird. Und was die Finanzierung der Lohnsteigerung betrifft: für Stuttgart 21 war auch immer Geld da.

  • Und wenn solche Leute wie Anne Will, sich über so etwas aufregen, dann ist das schon ziemlich dreist.
    Anne Will bekommt pro Sendung 80.000 Euro, das vrdient ein stationsarzt nicht, der einen schwren und verantwortungsvollen Job hat.
    Und wr zahlt der Anne Will die 80.000€? Wir die Bürger

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