TV-Kritik
„Der 'Tatort' war schuld“

Sandra Maischberger hatte sich in ihrer Sendung ein ganz hartes Thema vorgenommen: „60 Jahre Deutschland – sind die besten Jahre vorbei?“ fragte die Talkmasterin. Stargast war Bundeskanzlerin Merkel, die erklärte, warum sie nicht schon viel früher in den Westen gegangen ist.

DÜSSELDORF. Was für ein Thema, was für eine Gästeliste! Die Kanzlerin kam zuerst dran, im Einzelgespräch und wahrscheinlich vor der eigentlichen Diskussionsrunde aufgezeichnet. Das war schade, denn gern hätte man sie in der Diskussionsrunde gesehen und gehört, aber es ging wahrscheinlich nicht anders. So plauderte Merkel – von der Moderatorin als „mächtigste Frau der Welt“ vorgestellt, was die sich weise lächelnd gern gefallen ließ –munter aus ihrem deutsch-deutschen Leben. „Stimmt es, dass Sie schon als Achtjährige das Kabinett Adenauer aufsagen konnten?“, fragt Maischberger. Sie habe sich schon sehr früh für Politik interessiert, sagt Merkel, sie habe ja auch die Mitglieder des Politbüros aufsagen können. Wer unter den Politikern ihre Nummer eins sei? „Adenauer und Kohl“, sagt Merkel wie aus der Pistole geschossen.

Im Galopp geht es weiter durch Merkels Leben. Beim Mauerbau war sie mit der Familie in Bayern bei einer Verwandten. „Man hat sich damals einfach nicht vorstellen können, dass Berlin tatsächlich geteilt wird.“

Ob Sie manchmal Sehnsucht nach dem Sozialismus habe, fragt Maischberger. „Die DDR war auf Unrecht gebaut“, sagt Merkel klipp und klar, aber auch: „Das Leben im Alltag funktionierte, man musste nach der Wende doch nicht neu heiraten.“ Wie Sie das Leben in der DDR ertragen habe? „Das Leben besteht ja Gottseidank nicht nur aus Staat.“ Und ja, die Stasi sei lästig gewesen, sie selbst sollte an der Universität Ilmenau angeworben werden, als sie sich dort für einen Job beworben hatte. Das habe sie offen und ehrlich pariert. „Ich kann doch meinen Mund nicht halten, ich würde alles meinen Freunden erzählen“, hat sie dem Stasi-Mann erwidert, von da an habe sie der Geheimdienst in Ruhe gelassen. Aber den Job habe sie natürlich nicht bekommen. „Wir haben versucht, uns von der Spitzelei nicht kirre machen zu lassen“, sagt Merkel noch.

„Warum sind Sie denn nicht aus der DDR ausgereist“, fragt Maischberger. Merkel verweist auf ihre familiären Bindungen. Und: „Für mich war die Bundesrepublik das bessere System.“ Aber letztlich haben wohl kleinere Ängste den Ausschlag gegeben, zu bleiben. So habe sie im Fernsehen viele Tatorte gesehen: „Ich wusste nicht, ob man als Frau allein im Hotel übernachten kann“ Also war das reißerische Westfernsehen schuld, dass die spätere Kanzlerin nicht schon in ganz jungen Jahren rübergemacht hat.

Maischberger fragt Merkel noch nach ihren langen FDJ-Mitgliedschaft. „Man sollte nichts verschweigen, aber keine Schwarz-Weiß-Diskussion führen.“ Maischberger verweist noch auf den aktuellen Armutsatlas des Wohlfahrtsverbandes, der deutlich zeigt, dass im Osten das Risiko zu verarmen deutlich höher ist als im Westen. „Das wäre 1980 noch deutlich schlimmer gewesen“, pariert die Kanzlerin. Es dauere eben seine Zeit, bis die Lebensverhältnisse angeglichen seien, dafür gebe es ja den Soli.

Ob Sie nach Sozialismus und Kapitalismus vielleicht nach einem dritten Weg suche, fragt Maischberger abschließend. „Die soziale Marktwirtschaft ist der dritte Weg“, sagt Merkel und das hätte sie wahrscheinlich schon mit acht Jahren herbeten können.

Ende des Merkel-Interviews, Schnitt und Start der Talkrunde. Provozierende Einstiegsfrage: „21 Prozent der Ostdeutschen sagen, sie wollten die Mauer wiederhaben: Spinnen die Ostdeutschen?“ Natürlich spinnen sie nicht. Gregor Gysi, Urgestein der Linken, gibt sich altersmilde und sagt, dass es ihm seit der Wiedervereinigung eher besser geht. Nur einmal wird er ein bisschen kritisch: Das sei ein Beitritt gewesen und keine Wiedervereinigung, ein Geburtsfehler des neuen Deutschlands. Geschichtspapst Knopp wendet ein: „Die Einheit war gefährdet.“ Der seltsam gestrig wirkende Kabarettist Uwe Steimle: „Die BRD war 1989 genau so am Ende wie die DDR!“ Keiner widerspricht, keiner gibt ihm recht.

Knopp lobt die Wiedervereinigung als erste gelungene Revolution der deutschen Geschichte, Gysi freute sich, dass Deutsche nicht mehr aufeinander schießen mussten und Publizist Wolfram Weimer lobt die BRD als „große Versöhnerin“. Irgendwann platzt Gysi dann doch ein ganz klein bisschen der Kragen: „Wieso müssen die Ossis immer noch für niedrigere Löhne arbeiten“, fragt er und plädiert für einen demokratischen Sozialismus. Wo es den denn gebe, fragt Knopp. „Gibt es noch nicht“, sagt Gysi knapp und schweigt wieder.

Irgendwann ist es Zeit für eine Art Bilanz aus 60 Jahren Deutschland, 20 Jahren Einheit und Krisenangst. Guido Knopp hat das Schlusswort und sagt: “Die besten Jahre kommen noch“. Das wollen wir ihm für heute bereitwillig glauben, denn nach so viel Problem-Wälzerei ruft das Bett.

Martin Tofern
Martin Tofern
Handelsblatt / Redakteur Unternehmen und Märkte
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%